Vor knapp 150 Jahren suchten die Kinder im Ruedertal verzweifelt die Wiesen nach Schnecken ab. Kurz nach der Gründung des Bundesstaats 1848 darbte das Tal. Anstatt in die Schule zu gehen, wurden die Kinder von den Eltern rausgeschickt, um irgendetwas Essbares zurückzubringen. Die Leute assen alles, was sie finden konnten. Die Alternative war noch mehr Hunger und schliesslich der Tod. Während der schlimmsten Phase vom 1. November 1854 bis zum 30. April 1855 starben im Ruedertal 53 Personen, 17 davon waren Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren. Die Historikerin Ursula Maurer hat über diese düstere Zeit das Buch «Hungerland – Armut und wirtschaftliche Not im Ruedertal um 1850» geschrieben.

Maurers Eltern stammen aus dem Ruedertal, sie selber ist jedoch in der Region Lenzburg aufgewachsen. Dass die Leute im Tal im 19. Jahrhundert eine Hungersnot durchleiden mussten, wusste sie vor ihrem Buch nicht. Ursula Maurer ist Historikerin, hat auch Architekturgeschichte studiert und arbeitete für die Denkmalpflege des Kantons Bern. Auf die prekären Zustände im Ruedertal ist sie gestossen, als sie einen Artikel über das Schloss Rued schreiben wollte. Dabei fand sie eine Akte des damaligen Amtsstatthalters Rudolf Hintermann, der für die Kontrolle des Armenwesens zuständig war. Gleich zu Beginn des Buches beschreibt sie anhand eines Berichts von Hintermann einen Besuch bei einem Ruedertaler Heimweber und seiner Familie. «Sieben kleine Kinder, wovon das älteste zwölf Jahre alt, das jüngste drei, sassen um einen Tisch herum und assen eine Schwümmlisuppe, welche aus nichts anderem bestand als gelbem Holzschwamm und gekochtem Wasser», berichtete er der Kantonsregierung. Der Vater dieser Schar sass abgemagert auf dem Ofen und weinte, weil er glaubte, seine kleinen Kinder müssten im kommenden Winter verhungern. Solche und noch trostlosere Szenen erlebte Hintermann zuhauf.

Der direkte Kontakt übers Papier

Ursula Maurer war schockiert und fasziniert zugleich über diesen unerwarteten Fund und bald kam die Idee für ein Buch. «Ich will erzählen, was da vor wenigen Generationen in unserer Region passiert ist», sagt sie. Just zu dieser Zeit wurden die Gemeinden im Ruedertal für unfähig befunden, sich selber zu verwalten; der Kanton übernahm die Administration. So war die Quellenlage über die Zeit während der Hungersnot sehr gut. Am Anfang verbrachte Ursula Maurer viele Samstagmorgen im Archiv und las Briefe, Gesuche, Gerichtsurteile und Berichte.

Als sie pensioniert wurde, konnte sie mehr Zeit investieren. «Es ist verblüffend, was man dort alles findet», sagt sie. Zum Beispiel die Schulnoten von Beamten. Stundenlang las sie Dokumente in der Deutschen Kurrentschrift und lernte so die Handschriften der Akteure kennen. Die Gemeindeschreiben hätten schön geschrieben, Amtsstatthalter Hintermann dagegen «saumässig». Er sei wohl stets unter Zeitdruck gewesen. Die handschriftlichen Berichte ermöglichten Ursula Maurer einen besonders direkten Zugang zur Tragödie, die sich vor gut 150 Jahren im Ruedertal abgespielt hatte. «Die Leute leben zwar nicht mehr, aber sie schrieben auf diese Papiere, die ich nun in den Händen hatte», sagt sie. Ein gutes Gefühl hat bei ihr auch das Papier ihres eigenen Buchs ausgelöst, als sie ungefähr zweieinhalb Jahre nach dem ersten Telefon an den Verlag durch die Seiten ihres Werks blättern konnte. Das Buch ist im Badener Verlag «Hier und Jetzt» erschienen und ist gleichzeitig der Band 19 der Beiträge zur Aargauer Geschichte.

Dass Ursula Maurer Historikerin ist, merkt man dem Buch an. Auf eine gute Art. Sie erzählt quellentreu und neutral. Sie habe sich Mühe gegeben, als Autorin in den Hintergrund zu treten. Und doch hat die Novizin schriftstellerisches Geschick bewiesen, indem sie es geschafft hat, die sehr nahegehenden Passagen aus dem dörflichen Elend und die staubtrockenen amtlichen Dokumente in einem Buch zu vereinen. «Ich wollte, dass es sich gut liest und ein breites Publikum anspricht», sagt sie. Mithilfe der Wetterdatenbank der Uni Bern kann sie beispielsweise die Szenen noch echter erzählen, ohne dabei etwas erfinden zu müssen. Gekonnt stellt sie die gefundenen Informationen in einen Kontext, der ihrer Geschichte mehr Dramaturgie verleiht – etwa eine Aufzählung der Gerichte, die der Fabrikant Hermann Hunziker in einem Pariser Nobelrestaurant seiner Familie gönnte, während die Ruedertaler Heimweber ohne Essen und Perspektiven in ihren feuchten Kammern vor sich hinsiechten.

Eine Missernte reicht nicht

Maurer nutzt ihr Wissen auch, um die Hungersnot in einen breiteren Kontext zu stellen. Die faulen Kartoffeln waren nicht der Hauptgrund für die Hungersnot. «In Aarau ist niemand verhungert», sagt sie. Die Nahrungsmittel waren knapp, unter anderem wegen schweren Unwettern im Jahr 1852, wegen des Krimkriegs 1853, der den Handel lahmlegte. Aber die meisten Menschen im Ruedertal waren so bitterarm, dass sie sich trotz stundenlanger Heimarbeit am Webstuhl einfach nichts leisten konnten. Denn die Ruedertaler wurden für diese Arbeiten «himmeltraurig bezahlt», wie Ursula Maurer sagt. Die Kinder haben mitgeholfen und aus Stroh Bändli geflochten; trotzdem reichte das Geld nicht. Die Textilfabrikanten liessen die begehrten Stoffe in den Ruedertaler Stuben produzieren und verkauften sie bis in die afrikanischen Kolonien. Grosse Gewinne für die Herren – Hungerlöhne und Hunger für die Ruedertaler Bevölkerung.