Bezirksgericht Kulm
Hundebiss-Theater vor Gericht: Am Schluss lagen die Hunderternötli auf dem Tisch des Anwalts

Zwei Anwälte treffen sich wegen eines Hundebisses vor dem Bezirksgericht Kulm. Die Gerichtspräsidentin wundert sich, als der eine plötzlich eine ungewöhnlich hohe Honorarforderung stellt. Am Ende zückt sein Gegenspieler das Portemonnaie, um die Sache zu klären.

Pascal Meier
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Ein Labrador Retriever hat zugebissen – vor Gericht nahm der Fall eine unerwartete Wende. (Symbolbild)

Ein Labrador Retriever hat zugebissen – vor Gericht nahm der Fall eine unerwartete Wende. (Symbolbild)

Keystone

Diese Geschichte beginnt mit einem Hundebiss und endet mit einem überraschenden Disput vor Gericht – einem Disput zwischen zwei Anwälten. Streitobjekt: das Anwaltshonorar. Am Schluss fliegen im Gerichtssaal nicht die Fetzen, sondern Hunderter-Nötli.

Die Geschichte beginnt vor zwei Jahren. Im Juli 2015 fährt ein Mann mit seinem Töffli durch ein Wynentaler Dorf. Plötzlich taucht ein Hund auf. Der Labrador Retriever rennt auf den Mann zu. Dieser bremst, der Hund stoppt ebenfalls. Nichts passiert – bis der Mann weiterfahren will. Der Hund beisst ihn ins linke Schienbein. Die drei auf vier Zentimeter grosse Bisswunde muss später vom Arzt behandelt werden.

Die Begegnung hat auch ein Nachspiel für die Hundehalterin: Sie wird zwei Monate später von der Staatsanwaltschaft mit 500 Franken gebüsst. Bezahlen muss sie auch die Strafbefehlsgebühr von 1100 Franken. Dazu kommt eine bedingte Geldstrafe von 40 Tagessätzen à 160 Franken, die Probezeit dauert zwei Jahre. Für die Staatsanwaltschaft Zofingen-Kulm ist klar: Der Hundebiss war fahrlässige Körperverletzung. Die Frau habe gewusst, wie ihr Hund auf fremde Menschen reagiert. Sie hätte besser aufpassen müssen.

Mahnende Worte der Präsidentin

Damit ist die Geschichte nicht zu Ende. Die Hundehalterin will den Strafbefehl nicht akzeptieren, sie erhebt deshalb bei der Staatsanwaltschaft Einsprache. Der Fall landet damit auf dem Tisch von Yvonne Thöny Fäs. Die Präsidentin am Bezirksgericht Kulm muss nun beurteilt: War der Hundebiss fahrlässige Körperverletzung oder nicht?

Bei der Gerichtsverhandlung zeigt sich dann: Die Präsidentin möchte kein Urteil sprechen. «Eine solche Sache sollte man ausserhalb des Gerichtssaals regeln können», sagt sie im grossen Gerichtssaal in Unterkulm, und blickt in die kleine Runde. Im Saal haben die Hundehalterin und ihr Verteidiger Platz genommen, wenige Meter daneben der Kläger und dessen Anwalt. Yvonne Thöny Fäs macht einen Vorschlag: Die Parteien einigen sich jetzt auf eine Vereinbarung – und der Fall ist erledigt.

Das ist das Stichwort für den Verteidiger: «Wir wollen schon lange eine Einigung, doch die Beiständin des Klägers hat Kontaktversuche ignoriert.» Frustration ist spürbar, auch bei der Hundehalterin.

Möchte der Anwalt zu viel Geld?

Die Worte der Gerichtspräsidentin wirken. Auch der Kläger und sein Anwalt wollen jetzt verhandeln. Der Anwalt fordert 4000 Franken Genugtuung für den Hundebiss, im Gegenzug werde sein Mandant seinen Strafantrag zurückziehen. Der Verteidiger ist empört: «Selbst wenn meine Mandantin schuldig wäre, sind 4000 Franken Jenseits von Gut und Böse!». Er macht ein Gegenangebot: 1500 Franken – und alle Ansprüche sind erledigt. «Wir wollen die Sache endlich hinter uns bringen.»

Das ist der Moment, in dem der Anwalt des Klägers seine Felle davonschwimmen sieht. «Und was ist mit meinem Honorar», fragt er die Gerichtspräsidentin? «Der Aufwand beläuft sich auf etwa 10 Stunden.» Diese Frage kommt nicht ohne Grund: Sein Mandant hat wenig Geld und das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege ist noch nicht behandelt. Es ist damit nicht klar, ob der Staat sein Anwaltshonorar zahlt.

Gerichtspräsidentin Yvonne Thöny Fäs wundert sich derweil: «Zehn Stunden erscheinen mir sehr hoch», sagt sie, worauf der Anwalt fragt: «Was wäre denn weniger hoch?». Thöny Fäs schlägt 1000 Franken vor, also fünf Stunden à 200 Franken. Der Anwalt sagt nichts mehr.

Verteidiger macht Bares locker

Das Gericht erarbeitet schliesslich hinter verschlossener Tür einen Vorschlag für die Vereinbarung. Die Anwälte klären derweil am Telefon versicherungstechnische Fragen. Zurück im Gerichtssaal verliest Yvonne Thöny Fäs ihren Vorschlag. Die Kernpunkte: Der Kläger zieht den Strafantrag zurück, die Hundehalterin zahlt ihm 1000 Franken Genugtuung sowie 500 Franken an die Anwaltskosten. Sein Anwalt erhält weitere 500 Franken, wenn die unentgeltliche Rechtspflege bewilligt ist.

Der Fall scheint damit erledigt – bis der Anwalt des Klägers sagt: «1000 Franken Honorar sind schon etwas knapp.» Jetzt platzt dem Verteidiger der Kragen: Er steht auf, schreitet mit polternden Schritten durch den Gerichtssaal und knallt dem Anwalt ein paar Hunderternoten auf den Schreibblock. «Ich zahle Dir die Hin- und Rückfahrt, so hast Du mehr Honorar – ist das jetzt gut?» Der Beschenkte sagt kein Wort mehr. Die Verhandlung ist geschlossen.