Kölliken
«Holy Shit» – Pfarrerin Claudia Steinemann fordert im Social-Media-Projekt auf, frei von der Leber weg zu sprechen

Eine Pfarrerin mit ADHS und eine Pfarrerin, die queer ist, diskutieren auf Instagram und Youtube über Vorurteile, Kirche und ob Christinnen Sex mit Jesus haben möchten.

Flurina Dünki
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Die Kölliker Pfarrerin Claudia Steinemann (r.) hat das Social-Media-Projekt «Holy Shit» ins Leben gerufen. Im improvisierten Studio mit Produzentin Sophia Kramer.

Die Kölliker Pfarrerin Claudia Steinemann (r.) hat das Social-Media-Projekt «Holy Shit» ins Leben gerufen. Im improvisierten Studio mit Produzentin Sophia Kramer.

Flurina Dünki/Aargauer Zeitung

«Es gibt Christinnen und Christen, die sagen, dass Sexualität nur zwischen Partnern ausgelebt werden kann und man nicht masturbieren soll. Ich sehe das ein bisschen anders.» Diese offenen Worte kommen von Claudia Steinemann, seit eineinhalb Jahren Frau Pfarrerin der Reformierten Kirchgemeinde Kölliken. Mit ihrem englischen Mann wohnt sie im geräumigen Pfarrhaus. Zusammen mit Pfarrkollegin Priscilla Schwendimann, die in Zürich arbeitet, hat die 33-Jährige gerade ihr erstes Youtube-Video mit dem Titel «Eure Vorurteile gegenüber der Kirche» veröffentlicht.

«Holy Shit» heisst ihr brandneuer Youtube-Kanal, auf dem sich die Pfarrerinnen wie folgt vorstellen: «Wir sind Claudia und Priscilla. Claudia dealt schon eine Weile mit ADHS und Priscilla mit ihrem Coming-out als queer.» Unter dem gleichen Namen (holyshit_ch) publizieren die beiden Beiträge auf Instagram. 300 Abonnenten hat ihr Profil nach zwei Wochen. Dort haben sie vor ein paar Tagen auch dazu aufgerufen, Vorurteile gegenüber der Kirche zu nennen. «Der Grossteil der Vorurteile, die man uns darauf geschickt hat, war zum Thema Sex", sagt Claudia Steinemann.

Grossmünster-Pfarrer motivierte die Pfarrerinnen zum Projekt

Das Ganze ist nicht einfach eine Freizeitbeschäftigung zweier internetaffinen Freundinnen – Claudia Steinemann hat als Erstberuf Informatikerin gelernt. "Holy Shit" ist ein professionelles Social-Media-Projekt. Die beiden Pfarrerinnen diskutieren in diesem über die Themen psychische Gesundheit, LGBTIQ (lesbisch, schwul, bisexuell, transgender, intergeschlechtlich und asexuell) sowie Kirche und Christentum.

Mitfinanziert wird es von der Kirchgemeinde des Zürcher Stadtkreises 1 sowie einer Stiftung, die sich für digitale Bildung einsetzt. Dies vorerst für ein halbes Jahr. Der Grossmünster-Pfarrer Christoph Sigrist, mit dem Priscilla Schwendimann beruflich zu tun hat, motivierte die beiden Frauen zum Projekt und knüpfte die Verbindung zu Sophia Kramer, der Video-Produzentin von «Holy Shit».

Aus dem Mund der Kölliker Pfarrerin sprudeln die Worte, als sie in ihrem improvisierten Studio – einem Zimmer im Pfarrhaus – über "Holy Shit" spricht. "In der Jugendarbeit und der Seelsorge merke ich, dass die Leute reden, dass sie diskutieren wollen", sagt sie. Und weiter:

Indem wir mit dem Pfarrer-Vorurteil der Unfehlbarkeit brechen und sagen: ‹Ich habe ADHS, Priscilla ist queer, und es ist nichts dabei›, begegnen wir den Leuten auf Augenhöhe.

"Es gibt viele Vorurteile gegenüber psychischer Gesundheit"

Gleich dreht sie ihr nächstes Video. Wie den Redefluss könnte man auch ihr Hin- und Herrutschen auf dem Sessel als Nervosität vor dem Dreh deuten; sie wird ihre Videoproduzentin Sophia Kramer zu deren Borderlinesyndrom interviewen. «Das ist mein ADHS», sagt sie, «ich muss mich immer bewegen und rede viel und schnell.»

Heute spricht sie ohne Hemmungen über ihre Krankheit, die sie erst mit 29 Jahren diagnostiziert bekam. Eine lange Reihe von falschen Beurteilungen ging dem voraus: «Ich galt als faul, dumm und egoistisch. All das hat zu einem schlechten Selbstwert, zu Depressionen und einer Serie von Burn-outs geführt», schreibt sie auf Instagram. Es gebe viele Vorurteile gegenüber psychischer Gesundheit, sagt sie auf dem Sessel im Studio, das wie ein gemütliches Wohnzimmer eingerichtet ist. Ebenso gegenüber der Queer-Community. «Das wollten wir nach aussen bringen», sagt sie.

Ein kirchliches Projekt, bei dem man Menschen digital begegnet, fehle in der Schweiz. Deshalb das Konzept mit Social Media. "Wir wollen Menschen dort abholen, wo sie sind, sodass sie uns verstehen", sagt Claudia Steinemann. Die Idee, mit Kampagnen die Kirche den Jungen schmackhaft zu machen oder sie vom Kirchenaustritt abzuhalten, wurde in der Vergangenheit auch schon umgesetzt.

Ist das Social-Media-Projekt eine weitere Verzweiflungstat, um ein Austrocknen zu verhindern? Zum ersten Mal folgt kein Redeschwall, zum ersten Mal hält die Pfarrerin inne, um nachzudenken. «Von dieser Seite habe ich mir das noch gar nicht überlegt.» Es seien die vielen Textnachrichten seit Beginn der Coronakrise gewesen, die sie darauf gebracht hätten. Auf ihr Instagramprofil wurden die gesendet, die Pfarrerin antwortete. Seelsorge auf Distanz. "Das Projekt ist unsere Reaktion auf dieses Bedürfnis", sagt sie.

Wie schätzt sie die Reaktion der Kirchenvertreter ein? Wird man in der Reformierten Landeskirche goutieren, was die Nicht-08/15-Pfarrerinnen auf Instagram und Youtube veröffentlichen? Wie die Reaktion ausserhalb von Kölliken und Zürich sei, könne sie nicht abschätzen, sagt Claudia Steinemann und fügt an:

"Manchmal muss man einfach ein Vorhaben umsetzen, das einem am Herzen liegt."

Wenn man zu lange rumdiskutiert, werden Projekte, die wichtig wären, vielleicht nie umgesetzt, sagt Claudia Steinemann. «Mein ADHS bewirkt, dass ich Sachen einfach mal mache.»