Treffpunkt ist beim Vita-Parcours-Parkplatz in Menziken. Ein weisser Geländewagen fährt vor. Kaum stehen alle vier Räder still, wird es im Kofferraum lebendig. Kratzgeräusche. Ein Rumpeln. Hinter der Heckscheibe erscheint eine schwarze Nase. Zwei dunkle Äuglein blicken munter unter einem wuscheligen Haarschopf hervor. Es ist, wie sich später herausstellt, Nessi, eine deutsche Jagdterrier-Dame – zusammen mit Jungspund Cora die ständige Begleitung auf den Rundgängen des Jagdaufsehers.

Die Fahrertür geht auf. Kaspar Kottmann ist ein Jäger von imposanter Statur, wohl kein Nachteil in seinem Amt als Ordnungshüter im Schongebiet auf dem Sonnenberg. Zusammen mit seinem Kollegen Peter Merz aus Beinwil am See schaut er im Ischlag, dem Waldstück im Grenzgebiet zwischen Reinach, Menziken und Beinwil, jahraus, jahrein zum Rechten.

Der 67-jährige Menziker, auch Pächter im angrenzenden Jagdrevier Stierenberg, verrichtet sein Amt mit viel Herzblut – nicht immer eine schöne Aufgabe: Im vergangenen Jahr musste Kottmann allein im «Ischlag» sechsmal wegen eines kranken Fuchses ausrücken, dreimal wegen eines überfahrenen Rehs. Bilder, die er nicht so schnell vergisst. «So ein räudiger Fuchs, abgemagert bis auf die Knochen, wundgekratzt und mit blutter Lunte ist ein trauriger Anblick», sagt Kottmann. In zwei Fällen haben die beiden Jagdaufseher praktisch haarlose und nur noch mit Krusten überzogene Füchse töten müssen.

Kottmann öffnet die Hecktür seines Autos. Die beiden Hunde können den Rundgang kaum erwarten. Zitternd vor Aufregung sitzen sie auf der Ladekante. Sie dürfen erst herunterspringen, wenn sie angeleint sind. Der Jagdaufseher schultert sein Gewehr, sortiert – für die Hunde wohl in unerträglicher Gemütlichkeit – die Leinen und setzt den Filz, wie der Hut in der Jägersprache genannt wird, auf. Dann endlich kommt das erlösende Signal. Acht Pfoten gehen gleichzeitig in die Luft.

Ähnliche Symptome wie Tollwut

«Die Räude- und vor allem die Staupenbefälle haben im vergangenen Jahr zugenommen», erzählt Kaspar Kottmann im Gehen. Bei der Räude sind die Füchse durch eine Milbe befallen, was einen heftigen Juckreiz auslöst. Die Tiere kratzen oder beissen sich blutig. Bei Füchsen, die mit dem Staupe-Virus befallen waren, hat Kottmann schon ähnliche Symptome wie bei der Tollwut beobachtet. «Das Tier wurde zutraulich und hatte Lähmungserscheinungen. Es ist immer wieder umgekippt.» Beide Krankheiten, Räude wie Staupe, enden für die Füchse in der Regel tödlich – und sie sind hoch ansteckend, auch für Haustiere. Deshalb empfiehlt der Jagdaufseher, die Hunde gegen Staupe zu impfen und sie im Wald anzuleinen. Nur so könne der Kontakt mit einem toten Fuchs oder einem milbebefallenen Bau sicher vermieden werden.

Argumente nicht mehr statthaft

Im «Ischlag» hat es viele Wildtiere: Rehe, Füchse, Dachse, Marder – mehr als andernorts. Das hat seinen Grund. Im 100 Hektare grossen Waldstück darf nicht gejagt werden. Der Sonnenberg ist seit den 1950er-Jahren ein kommunales Schongebiet. Über die Gründe, weshalb das Waldstück einst zum Jagdbanngebiet erklärt wurde, ist wenig überliefert. Wie aus dem Protokoll der Einwohner- und Ortsbürgergemeindeversammlung Reinach vom 12. Juni 1953 hervorgeht, hat der Weiherverein damals «Bestrebungen unternommen, den Sonnenberg zum Schongebiet zu erklären.» Der Zweck dürfte ein ähnlicher gewesen sein wie heute: «Das Naherholungsgebiet solle durch einen erhöhten Wildbestand einen weiteren Anreiz erhalten.»

Diese Begründung ist für die Fachpersonen der kantonalen Jagdverwaltung heute nicht mehr statthaft. «Ein Schongebiet muss dazu da sein, um etwas zu schützen, eine besondere Landschaft wie beispielsweise ein Moor oder eine bestimmte Tierart», sagt Erwin Osterwalder, Fachbereichsleiter Jagd bei der Sektion Jagd und Fischerei. Im «Ischlag» sei weder das eine noch das andere gegeben. Die kantonale Jagdverwaltung will das Schongebiet deshalb aufheben, also erlauben, dass in diesem Waldstück wieder gejagt wird.

Warum die Räude- und Staupefälle wieder zugenommen haben – einen letzten Höhepunkt gab es vor vier Jahren – ist nicht so einfach zu beantworten. Einerseits würden die Krankheiten in Wellen auftreten und verbreitet, sagt Erwin Osterwalder, andererseits spiele die Wilddichte, also die Anzahl Tiere, die auf einer bestimmten Fläche lebten, eine Rolle. «Das erhöht die Ansteckungsgefahr», sagt Osterwalder. «Deshalb ist es angezeigt, dass auch im ‹Ischlag› wieder gejagt wird.» Durch die Bejagung könnten die Fallwildzahlen, also die Menge jener Tiere, die aufgrund der hohen Bestände durch Krankheit oder Unfall zu Tode kämen, verringert werden. Die Aufhebung des Schongebiets, so Osterwalder, sei im Zuge der Neuverpachtung der Jagdreviere auf den 1. Januar 2019 geplant.