Der Mann musste zuerst die dicke Staubschicht abwischen, bevor er sah, was sich darunter verbarg: rund 100 alte Bilder von biblischen Geschichten. Im Estrich der alten Kapelle in Moosleerau wurden sie gefunden. Wahrscheinlich lagerten sie da jahrzehntelang. Der Mann nahm sie nach Hause und rettete sie damit aller Wahrscheinlichkeit nach vor der Kehrichtverbrennungsanlage. Er wollte die Bilder Bruno Altherr zeigen. Vielleicht dachte er sich, dass sie wertvoll sein könnten. Doch in der Nacht zog ein heftiges Gewitter über die Region und der Regen füllte viele Kellerräume. Auch die Bilder standen zehn Zentimeter tief im Wasser.

Der Mann brachte sie durchnässt nach Reitnau und zeigte sie Bruno Altherr. Dieser ist Gründer der gleichnamigen Druckerei und der Gutenberg-Werkstatt in Reitnau. Altherr machte grosse Augen, als ihm der Mann seinen Fund zeigte: Die Bilder stammen aus den 50er-Jahren und wurden auf Litho-Stein gedruckt. Bruno Altherr war begeistert. Über Wochen legte er sie in der Werkstatt aus und liess sie trocknen, hegte und pflegte sie. Zu wertvoll waren sie für ihn. «Nimmt man einen realistischen Wert von 100 Franken pro Bild, so ergibt das 10 000 Franken gesamthaft – ein schöner Schatz fürs Museum», sagt er. Und nein, verkaufen würde er die Bilder nie im Leben.

Auf Litho-Stein gedruckt

Gerade begutachtet er «eine Reise aus dem Morgenland», ein Bild, das die Ankunft der drei Könige im Stall von Maria und Josef zeigt. Passend zur Weihnachten. Zwar sind die Spuren des Wassers deutlich zu sehen und ein Riss durchzieht das Bild ebenfalls, «aber das macht nichts, der Wert dahinter zählt», sagt Altherr und lächelt.

Und was genau macht die Bilder so wertvoll? «Sie wurden auf Litho-Stein gedruckt», sagt Altherr. Das heisst, die Bilder wurden zuerst von einem Lithografen anhand eines Films seitenverkehrt auf Stein übertragen. Danach wurde der Stein befeuchtet und mit fetthaltiger Farbe bedeckt. Der feuchte Stein wies die fetthaltige Farbe jedoch ab, nur die Zeichnung auf dem Stein nahm die Farbe an. Danach wurde der Stein mit einem Papier bedeckt und durch hohen Druck wurde die Zeichnung aufs Papier übertragen. In der Schweiz wendete man das Verfahren beim Druck von Landkarten, Briefmarken oder Bilderbüchern an.

Zum Einsatz kam dabei eine Steindruckpresse – und solche stehen deren zwei in Reitnau. Sie sind noch funktionsfähig. Ein Exemplar, «Brunhild» genannt, steht mitten in der Werkstatt – mit einer ähnlichen Maschine könnten auch die Bilder gedruckt worden sein, vermutet Altherr. Die «Brunhild» wurde am 14. Juli 1894 neu nach Dresden ausgeliefert und hatte damals ziemlich viel Geld gekostet. Auf Umwegen kam diese wieder in die Schweiz und irgendwann fand sie den Weg ins Obere Suhrental.

Bei Bruno Altherr sind die Bilder aus der Moosleerber Kapelle in besten Händen. Im nächsten Jahr möchte er damit eine kleine Ausstellung machen. «Für mich sind diese Litho-Drucke ein Traum und ich habe Freude ob der schönen Bilder», sagt er. Nicht nur, weil die Bilder einen biblischen Inhalt transportieren, sondern weil er sieht, wie viele Stunden Arbeit hinter der Entstehung der Bilder stehen.