Herr Müller, wie fühlen Sie sich nach Ihrer Rückkehr aus dem Himalaja?
Gianin Müller:
Müde. Langsam tauche ich aus einer anderen Welt auf. Für einen Monat lebte ich in einer völlig anderen Kultur und war im Gebirge extremen Lebensbedingungen ausgesetzt. All dies muss ich zuerst verarbeiten.

Wie erlebten Sie Nepal?
Gianin Müller:
Als verrückt, gegensätzlich. In der Hauptstadt Kathmandu herrschen Lärm und Hektik, auf dem Land erlebte ich viel Armut. Die Menschen sind trotzdem zufrieden. Das hat mich beeindruckt.

Und die Expedition?
Gianin Müller: Der Berg gab den Stundenplan vor, wir richteten uns nach seinen Launen. Es gab keinen Lärm, keine Medien, die mich beeinflussten. Dank der Ruhe im Himalaja konnte ich herunterfahren. Das tagelange Wandern hatte meditativen Charakter: Ich fand Zeit und Raum, mich von Gedanken zu lösen und nachzudenken.

Was vermissten Sie am meisten?
Gianin Müller: Unser Essen. Meistens gab es Reis- und Eintopf-Gerichte – Dinge, die uns Energie gaben. Mit der Zeit wurde dies eintönig. Zu Hause ass ich zuerst ein Stück Brot mit Käse. Und ich genoss eine richtig warme Dusche!

Sie schafften es bis auf den 7126 Meter hohen Gipfel des Himlung Himal. Was für ein Gefühl!
Gianin Müller: Die Freude war nicht so gross, wie ich es mir erträumt hatte. Natürlich war es toll, dort oben zu stehen, die Erhabenheit der Gipfel zu spüren und über meine Leistung stolz zu sein. Doch ich wusste: Ich hatte erst die Hälfte der Expedition geschafft, der Abstieg stand noch bevor.

Gab es Momente, in denen Sie aufgeben wollten?
Gianin Müller: Es gab prekäre Augenblicke. Kälte, Wind und die dünne Luft setzten mir zu. Die Sinnfrage habe ich mir ein paar Mal gestellt, doch aufgeben wollte ich nie.

Wie erlebten Sie die Tests?
Gianin Müller: Ich wusste, auf was ich mich einliess. Doch die Tests bis auf 7000 Meter Höhe – venöse und arterielle Blutentnahmen, Ultraschall von Herz, Hirn und Lunge – verliefen speditiv. Die Leistungstests auf dem Fahrrad bis auf 6000 Meter waren recht hart. Auf 7000 Meter funktionierte die Ergometrie wegen der Kälte nicht mehr.

Was nehmen Sie von der Expedition mit in Ihren Alltag?
Gianin Müller: Mehr Gelassenheit. Wenn man sieht, wie die Nepalesen ihren Alltag bewältigen, relativieren sich unsere Probleme. Bestimmt pflege ich einige Kontakte mit anderen Teilnehmern weiter. Im nächsten Sommer trifft sich unsere Gruppe, die auf der Expedition zusammen war, zu einem Bergweekend in der Schweiz.