Reitnau im Ausnahmezustand: Einmal im Jahr dröhnen im Suhrentaler Dorf Rennmotoren und gasgeschwängerte Luft liegt über der Bergstrasse. Bergrennen! Letztes Jahr herrschte Hitze; gestern Sonntag war Dauerregen angesagt.

Doch wer ein rechter Automobilsportfreak ist, lässt sich von den übelsten Wetterprognosen nicht zu Hause anbinden. Bernard Paupe hat um 4.35 Uhr in Delsberg den Zug bestiegen. Nun sitzt er im Bus von Sursee Richtung Reitnau. Wenn er es sich leisten könnte, führe er vielleicht auch Rennen. «Mir gefällt der Sport», sagt der Mann aus dem Jura mit Militärtornister am Rücken. Er hält sich im Winter mit Schleuderübungen auf Schnee schadlos.

Am Nachmittag wurde es besser

Der Speaker verbreitet Optimismus: Am Nachmittag wird das Wetter besser. Gut ausgerüstet ist Peter Burri aus Abtwil im Freiamt. Die farbige Militärpelerine schützt perfekt und schränkt auch niemandes Sicht auf die Rennstrecke ein. Im Gegensatz zu Schirmen. «Mal etwas anderes», sagt er. Sonst besucht er gerne Schwingfeste. Seine Nichte, die in Reitnau lebt, hat ihn angefixt: «Wir sind zum dritten Mal da.»

Drei junge Oberkulmer sitzen bereits um halb acht auf ihren Stühlen am Berg. «Ein Muss für Autofanatiker», sagt Christian Götti. Und Kollege Kevin Zürcher meint: «Nur schon der Ton der Maschinen ist geil.» Sie kommen auf ihre Rechnung: Es klöpft und rohrt gehörig.

Reitnauer Hymne

«Der eine oder andere landet bei diesen Verhältnissen wohl neben der Fahrbahn», meint Bruno Lehmann vom Turnverein, der auch ein Beizli führt. Was die Sache fürs Publikum interessant mache. In der Tat: Bruno Bernet kommt im Training von der Strasse ab. Ende Feuer. Unverletzt entsteigt er seinem Citroen Saxo und erhält Applaus. Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. «Er muss den Rückspiegel richten», sagt ein Zuschauer: Der Spiegel hängt lose an den Kabeln. Michel Erismann macht die Musik und lässt kurz vor neun die Reitnauer Hymne erklingen: «All right now» der Gruppe «Free». Rennspeaker Elio Crestani kommentiert mit viel Hintergrundwissen, weiss, wer Garagist ist oder Lastwagenfahrer oder Gefängniswärter. Besonders streicht er die Lokalmatadoren wie Werner «Volles Rohr» Rohr aus Reitnau heraus.

Slicks oder Regenreifen?

Wie sehen die Fahrer die Verhältnisse? «Man muss schnell entscheiden», sagt Daniel Aeschlimann, Maurer aus Seftigen. Slicks (profillose Reifen) oder Regenreifen? Oder je zwei? Den Streckenrekord sieht er heute nicht in Gefahr. Der Hobbysportler hat auf seinem Kadett C immerhin einen Trainingslauf für sich entscheiden können.

Das Reitnauer Bergrennen ist auch Dorffest und Jahrmarkt mit vielen Beizen, Magenbrot und gebrannten Mandeln, Automodellen und Versicherungsberatung, Hotdog und Bratwurst. Und Autoleasing «trotz Betreibungen». Honni soit qui mal y pense…