Teufenthal
Hier können sie sich wohlfühlen und entfalten: Der «Katzenhübel» feiert seinen Durchbruch

Die vor zweieinhalb Jahren in Teufenthal eröffnete Lebensgemeinschaft für Leute mit kognitiver Beeinträchtigung ist jetzt kantonal anerkannt.

Anja Suter
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Freuen sich, zu zeigen, wie glücklich sie in Teufenthal sind: Die fünf aktuellen Bewohner des «Katzenhübel», die von neun Angestellten betreut werden.

Freuen sich, zu zeigen, wie glücklich sie in Teufenthal sind: Die fünf aktuellen Bewohner des «Katzenhübel», die von neun Angestellten betreut werden.

zvg

In erhöhter Lage über einem Wohnquartier in Teufenthal, fünf Minuten vom Bahnhof entfernt, liegt der «Katzenhübel».

Hier oben haben Cynthia Cavazzutti (49) und Sandra Münger (50) im Mai 2015 die «Lebensgemeinschaft Katzenhübel GmbH» eröffnet – diese bietet erwachsenen Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen Wohn- und Lebensraum. Beide Frauen sind auf dem Gebiet erfahren; Cynthia Cavazzutti ist Heilpädagogin, Sandra Münger Sozialpädagogin.

Was die Frauen auf dem kleinen Hof bieten, ist innerhalb der Betreuung von Leuten mit kognitiven Beeinträchtigungen etwas Spezielles: Die Bewohner sollen sich in der Kombination von Arbeit, Tier und Natur und dem familienähnlichen Zusammenleben wohlfühlen und entfalten können.

Aargauer bisher nicht unterstützt

Was die Organisation anbetrifft, hat sich seit der Eröffnung vor zweieinhalb Jahren einiges geändert: Die ehemalige GmbH wurde in einen Verein umgewandelt und hat – das ist ganz wichtig – Anfang dieses Jahres die kantonale Anerkennung erhalten. Doch was bedeutet das für den Katzenhübel und seine Bewohner?

Cynthia Cavazzutti schlüsselt die Fachbegriffe auf: «Bei der Eröffnung der «Lebensgemeinschaft Katzenhübel» haben wir die kantonale Bewilligung für das Projekt erhalten.

Diese war nötig, damit wir überhaupt Bewohner aufnehmen und betreuen konnten. Mit der kantonalen Anerkennung, die wir dieses Jahr erhalten haben, können nun auch kognitiv beeinträchtigte Menschen aus dem Aargau bei uns leben.» Denn bisher war das nur für ausserkantonale Klienten möglich.

Eine weitere Änderung war die Umwandlung der Trägerschaft von der GmbH in einen Verein. Diese hat gleich zwei Gründe: Um eine kantonale Anerkennung erhalten zu können, musste die Trägerform in einen Verein oder eine Stiftung geändert werden. Zusätzlich sei ein Verein langfristig gesehen die bessere Lösung, wie Sandra Münger erklärt.

«Durch die Umwandlung zu einem Verein besteht der ‹Katzenhübel› auch noch, wenn Cynthia Cavazzutti und ich hier nicht mehr arbeiten sollten. Wir sind nun die Geschäftsführerinnen und haben die operative Leitung inne, aber durch den fünfköpfigen Vorstand ist die Zukunft der Bewohner hier langfristig gesichert.»

Die Geschäftsführerinnen Sandra Münger (l.) und Cynthia Cavazzutti.

Die Geschäftsführerinnen Sandra Münger (l.) und Cynthia Cavazzutti.

ASU

Gewisse Fitness erforderlich

Momentan hat der Bauernhof fünf Bewohner – ein Platz ist noch frei. Drei der fünf sind seit 2015 dabei, zwei Aargauer konnten dank der kantonalen Anerkennung Anfang 2018 auf den Hof ziehen.

«Die Bewohner sind alle jung, der älteste ist 36 Jahre alt», erklärt Münger. «Das heisst nicht, dass wir ein Höchstalter haben, wer hier leben möchte, muss körperlich fit genug sein, für den Marsch hier hinauf und für die Arbeit auf dem Hof.»

Der Alltag der Bewohner ist klar strukturiert. Im Wohnzimmer sowie auch in der grossen Küche hängen Tafeln mit Piktogrammen der Arbeiten, die täglich verrichtet werden müssen. Von hauswirtschaftlichen Aufgaben wie kochen, putzen und Wäsche waschen, bis zu den verschiedensten Bereichen der Tierhaltung – alle müssen anpacken Bewohner wie auch Mitarbeiter.

Zurzeit arbeiten auf dem Hof inklusive der Chefinnen Cavazzutti und Münger neun Angestellte. Die Mitarbeiter auf dem Katzenhübel müssen Allrounder sein sagt Cavazutti: «Zuerst müssen sie sich selbst über eine Aufgabe informieren, wie zum Beispiel die Fütterung der Schafe.

In einem zweiten Schritt ist es wichtig herauszufinden, wie man den Arbeitsablauf den Bewohnern so erklärt, dass diese die Aufgabe nach Möglichkeit selbstständig ausführen können.» Wenn es ums Füttern geht, werden die Aufgaben beispielsweise mithilfe von Bildern erklärt.

Der Vorteil sei hier, dass die Bewohner immer den Nutzen in ihrer Arbeit sehen, sagt Cavazzutti. Durch das richtige Verarbeiten von Früchten gibt es feine Konfitüre zum Zmorge oder Dörrfrüchte als Snack. Die Heizung im Haus wird mit Holz betrieben, welches zuerst gefräst und gespalten werden muss. Den Zmittag gibt es nur, wenn jemand in der Küche steht und kocht.

«Selbstversorgung light»

Die Geschäftsführerinnen setzen auf dem Hof auf «Selbstversorgung light», wie es Sandra Münger nennt: «Viel von unserem Gemüse kommt aus dem Garten, ein Teil des Fleisches kommt von den Schafen, die wir halten.

Auch den Sonntagszopf backen wir selber. Künftig werden auch noch weitere Tiere wie Hühner, Hasen und Weideschweine dazukommen.» Eingekauft wird meistens bei lokalen Bauern und auch die Herkunft des Fleisches wird thematisiert.

Dabei stellen auch die Bewohner selbst die Mitarbeiter manchmal vor Herausforderungen. «Wir bringend die Schafe zu einem Metzger, der nur fünf Minuten entfernt ist.

Nachdem ich erklärt habe, was jetzt mit den Tieren passiert, wollten zwei junge Männer vom Katzenhübel gerne beim Schlachten dabei sein, um den Prozess mitverfolgen zu können. Da musste ich dann über meinen Schatten springen, um sie zu begleiten, damit wir das Gesehene dann miteinander besprechen konnten», erzählt Cavazzutti.

Nicht nur Nachhaltigkeit soll den Bewohnern auf dem «Katzenhübel» gelehrt werden, sondern auch das Gefühl wertvoll zu sein und auf dem Hof gebraucht zu werden. Auch die individuellen Hobbys, Ausgang und die Teilnahme an Dorfveranstaltungen sowie in Vereinen werden gefördert.

Eines der schönsten Komplimente hat das Team von der Mutter eines Bewohners erhalten: «Seit mein Sohn auf dem Hof ist, hat er Flügel bekommen. Er kann jetzt alles machen, was einem jungen Mann möglich sein sollte.»