Schlossrued

Heruntergekommenes Schloss wartet seit Jahren auf einen Märchenprinzen

Das Schloss der Schlossrueder ist ein erbärmlicher Anblick: überall bröckelts, Fenster und Türen sind zugenagelt. Ein reicher Retter, der das Schloss wieder aus seinem Dörnröschenschlaf weckt, ist da. Bloss trat er bisher kaum in Erscheinung.

Es ist im Jahr 1790, als Carl Friedrich von May das erste Mal auf dem Schlossberg steht. Was der junge Mann mit der etwas zu gross geratenen Nase da sieht, ist erbärmlich: ein abgebranntes Schloss und eine Parkanlage, die sich die Natur längst zurückerobert hat.Schlossrued

Von May ist nicht irgendwer. Er ist der Herr von Rued. Durch Erbschaft in den Besitz des Anwesens gekommen. Er will hier Wohnsitz nehmen, baut das Schloss wieder auf, so wie es heute noch steht. Auf Schloss Rued erlebte er unbeschwerte Stunden. Mit dem Untergang des Berner Adels aber auch stürmische Zeiten.

Politisch ists heute weniger turbulent. Aber das Schloss, das prägt noch immer. Mit der Nachbargemeinde fusionieren möchte man vielleicht auch deshalb nicht unbedingt, weil dann auch die Schmiedrueder ein Schloss hätten. Aber das ist eine andere Geschichte.

Klar ist: Würde von May heute wieder vor dem Schloss stehen, er hätte keine Freude. Denn sein Schloss sieht ähnlich erbärmlich aus wie damals. Fenster und Türen sind zugenagelt. Überall bröckelts. Ein trostloser Anblick.

Einem, dem das Herz schwer wird bei diesem Anblick, ist Friedrich Klaus, der 82-jährige Bauer vom Batthof. Er kann nicht glauben, was mit dem Wahrzeichen von Schlossrued geschieht. «Eine Gaunerei ist das.» Manchmal sagt er auch: «Es ist so schade», und seufzt dabei tief. Es gebe so viele Leute, die nicht wissen, wohin mit ihrem Geld. Klaus wartet seit Jahren auf den Märchenprinzen, der das Schloss rettet. Er müsste nicht auf dem Pferd angaloppieren. «Er könnte auch zu Fuss kommen. Hauptsache, er kommt», sagt der alte Bauer und lacht.

«Man erfährt so nichts»

Ja früher, da blickten die Schlossrueder sorgenvoll zum Schloss hinauf, weil die Ernte schlecht war und sie den Zehnten kaum entbehren konnten. Heute blicken sie sorgenvoll empor, weil das Schloss vor sich hinmodert und niemand weiss, was aus ihm wird. Dabei hätte schon viel daraus werden sollen: eine Seniorenresidenz, mit Tiergarten und Golfplatz, zum Beispiel. Die Besitzer wechselten in rascher Abfolge. Ihre Untätigkeit hinterliess Spuren am alten Gemäuer. Seit 2006 nun gehört es der Firma Erowa AG, sie hat es für 2,7 Millionen ersteigert. Dass diese Firma der ersehnte Märchenprinz sei, dachten sich damals viele. Euphorisch sei man gewesen, erzählt Trudi Tanner von Dorflädeli. «Endlich geht etwas.» Passiert ist bisher wenig. Und das, obwohl seit Jahren alle Baubewilligungen vorliegen. Geplant ist ein Seminarzentrum. So steht es auch auf der Infotafel, die der Kulturverein vor dem Schloss aufgestellt hat. Daran glauben will im Dorf niemand mehr so richtig. «Man erfährt nichts», sagt Tanner.

Der Dorfmetzger Werner Rufer glaubt den Grund zu kennen, warum nichts passiert: Die Wirtschaftskrise habe der international tätigen Firma zugesetzt. Das Geld für einen Umbau fehle darum. «Ich habe Verständnis dafür, dass die Renovation nicht erste Priorität hat.» Rufer hat sich daran gewöhnt, dass oben beim Schloss nichts geht. Da ist keine Nostalgie.

Andere beflügelt dieser steinerne Zeitzeuge. Ohne Umschweife gesteht ein junger Mann, der erst kürzlich ins Ruedertal zog, er habe auch schon versucht, ins Schloss einzudringen. «Vielleicht ist noch etwas drin, was ich mitnehmen könnte.»

«Wir haben genug Probleme»

Ein Schlossfan ist auch Gemeindeammann Martin Goldenberger, und zwar nicht nur von Amtes wegen. Aber auch er weiss nicht, was mit dem Schloss geht. «Ich hoffe aber schwer, dass die Erowa AG ihre Pläne wirklich umsetzt.» Der Umbau des Tanzhüslis, das auch zum Schloss gehört, deutet der Gemeindeammann als Zeichen in diese Richtung. Er erzählt auch, dass er selber und der Vize-Ammann davon träumen, dass das Schloss saniert ist, bevor sie ihre Amtszeit beenden.

Schön wäre es, da sind sich die Schlossrueder einig, wenn das Schloss der Gemeinde gehören würde. Aber, und da sind sich wieder alle einig: «Wir haben kein Geld». Der Dorfmetzger meint noch: «Wir haben in Schlossrued schon genug Probleme mit der Instandhaltung der Wasserleitungen.» Wenigstens die Geldsorgen könnte der Schlosserbauer der Gemeinde nachempfinden. Unter einer Auflistung von ausserordentlichen Ausgaben notierte er 1820 in seiner Hauschronik: «Wahrlich nur durch den Segen Gottes und gute Ökonomie konnte mein völliger Ruin verhindert werden.» Manche Dinge ändern wohl nie.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1