Die Heilsarmee Aargau Süd feiert heuer ihr 125-jähriges Bestehen – ein Korps, das so viel Zulauf hat, dass der Saal zu klein geworden ist und die Gottesdienste nun in einem Zelt abgehalten werden müssen. Wie passt dieser Zustrom zum traditionellen Heilsarmeemotto «Suppe, Seife, Seelenheil»? Die az sprach mit Korpsleiter Bjørn Marti.

Herr Marti, Sie haben das Jubiläumsjahr mit einer Suppenabgabe vor dem Reinacher Coop gestartet. Ist das noch zeitgemäss?

Bjørn Marti: Das Motto stammt aus einer Zeit, in der die Menschen wirklich existenzielle Probleme hatten. Die Heilsarmee startete ihr Wirken Mitte 19. Jahrhundert in England auf der Strasse unter Prostituierten, unter Alkoholikern, die nichts besassen. Der Heilsarmeebegründer William Booth hat schnell gemerkt, dass man den Menschen nichts von einem liebenden Gott erzählen muss, solange sie Hunger leiden und kein richtiges Dach über dem Kopf haben.

Hat im Jahr 2016 in Reinach noch jemand Suppe und Seife nötig?

Ja, ich glaube schon. Bei uns und heute hat das Ganze einfach ein anderes Kleid. Wir organisieren in Reinach zweimal pro Woche eine Lebensmittelabgabe. Hier können Menschen, die nahe am Existenzminimum leben, Nahrungsmittel beziehen. Heute ist das Problem dieser Menschen nicht mehr die Grunddeckung, dafür fehlen Möglichkeiten für eine gesunde Ernährung. Hier erhalten sie unter anderem frisches Gemüse.

Woher haben Sie die Lebensmittel?

Von der «Schweizer Tafel», einer Organisation, die Waren bei Grossverteilern einsammelt und verteilt, aber auch von lokalen Geschäften, wie Bäckereien oder vom Bauern. Ohne die lokalen Bezugsquellen hätten wir definitiv zu wenige Lebensmittel für die Abgabe. Wir sind sehr dankbar dafür.

Und was ist die Seife?

Die Seife steht auch für ein Dach über dem Kopf, für Kleidung oder für die Fähigkeit, sich selber Sorge tragen zu können. Die Brocki deckt das zum Teil ab, indem man günstige Kleider oder Haushaltgegenstände erstehen kann. Eine andere Form von Seife ist sicher unsere Beratungstätigkeit. Wir haben eine Sozialberatung, die bei Budgetfragen oder beim Ausfüllen von Formularen hilft.

Ist Ihr Angebot gefragt?

Ja. Die Nachfrage ist gross und wird immer grösser. Vor allem bei den Beratungen. Dort könnten wir mehr machen, wenn wir die Ressourcen hätten. 2014 hatten wir 311 Beratungen, 2015 waren es 367. Aber auch die Lebensmittelabgabe ist gefragt: An 72 Terminen im 2014 gab es 3500 Bezüge. Im Begleiteten Wohnen haben wir 1000 Übernachtungen gezählt und in der Notunterkunft 333. Die Notunterkunft ist also dauerbelegt.

Wer nimmt das begleitete Wohnen oder die Notunterkunft in Anspruch?

Im begleiteten Wohnen sind es vor allem Jugendliche, die nicht mehr daheim wohnen können, aber noch nicht selbstständig genug sind, allein zu leben. Für die Notunterkunft gibt es vielfältige Gründe: Weil keine Anschlusslösung nach einer Wohnungskündigung oder nach einem Gefängnisaufenthalt vorhanden ist oder weil jemand nach Ehestreitigkeiten kurzfristig ein Dach über dem Kopf braucht. Die Notunterkunft kann maximal drei Monate am Stück von derselben Person belegt werden, manchmal sind es aber auch nur zwei, drei Tage.

An normalen Sonntagen besuchen 60 bis 80 Personen Ihren Gottesdienst, bei besonderen Anlässen weit über 100. Andernorts sind die Kirchenbänke leer: Wie erklären Sie das?

Über andere Kirchen möchte ich nichts sagen. Wir versuchen, nahe bei den Leuten zu sein. Dazu tragen die Menschen, die unser Korps, unsere Gemeinde ausmachen, massgeblich bei. Ich erhalte von Neuen öfters die Rückmeldung, dass sie sich willkommen und angenommen fühlen, wie sie sind. Das ist unser Credo: Jemand muss nicht zuerst fromm sein, damit er kommen darf. Und ich glaube, die Heilsarmee wird als Kirche wahrgenommen, die nicht nur redet, sondern auch handelt.

Werden die Leute von der Suppe oder von der Lebensmittelabgabe direkt ins Zelt geschleust?

Nein (lacht). Die Leute schleusen sich selber ein. Wir machen keines der sozialen Angebote davon abhängig, ob sich jemand für den Glauben interessiert. Aber wir bieten eine tragfähige Gemeinschaft an, wenn das jemand möchte und sich dafür interessiert.

Sie binden auf diese Weise die Leute an sich, machen sie abhängig ...

Wenn eine Beziehung bindet, dann ja. Das ist das, was Menschen brauchen, Beziehungen. Daran krankt unsere Gesellschaft immer mehr, dass jeder für sich lebt. Beziehungen finden nur noch sehr selektiv statt. In dem Sinne binden wir die Leute an uns. Aber wir wollen sie nicht abhängig machen, damit es uns etwas bringen würde. Was hätten wir davon? Dann müssten wir eine finanzstärkere Schicht ansprechen.

Unterscheidet sich die Arbeit der Heilsarmee Aargau Süd von andern Heilsarmee-Gemeinden?

Ja, ich denke schon. Wir haben in Reinach einen sehr hohen Ausländeranteil mit nahezu 40 Prozent, die Asylsuchenden nicht eingerechnet. In den Gottesdiensten haben wir allerdings noch wenig Zugang von Ausländern. Bei der Lebensmittelabgabe hingegen schon und auch an unseren Sport-Sonntagen. Hier machen auch viele Asylsuchende mit. Wir machen uns derzeit Gedanken, wie wir die Ausländer, die sich gegenseitig ja oft auch fremd sind, integrieren können und wo unser Engagement in diesem Zusammenhang in der Region gebraucht wird.

Nehmen Sie Einfluss auf die Politik?

Die Heilsarmee hat den Grundsatz, dass wir nicht politisch tätig sind. Wenn wir jedoch Missstände sehen, äussern wir uns, das ist klar. Wir arbeiten gut und gerne mit den Behörden zusammen. Gerade im Integrationsbereich können wir uns eine nähere Zusammenarbeit vorstellen, wenn es inhaltlich und von den Ressourcen her passt. In dem Sinne: Unsere Arbeit ist ein politisches Statement.

Eine Arbeit, die im Oberwynental vor 125 Jahre begann. Was bedeutet das Jubiläum für Sie?

Ein Erbe. Die Heilsarmee war hier oben anfänglich nicht willkommen. Aber sie hat bestanden, sich dem gesellschaftlichen Wandel angepasst – immer wieder. Unterdessen hat sie sich etabliert, man weiss, wofür sie steht. Das wollen wir feiern. So viele Menschen haben in den vergangenen 125 Jahren investiert. Dafür sind wir dankbar.

Sie expandieren. An der Wiesenstrasse soll ein grosses Zentrum entstehen. Wo steht das Projekt?

Es müssen noch einige Abklärungen getroffen werden, im Moment sind noch verschiedene Varianten offen. Im März werden die Direktion und der Strategierat der Heilsarmee Schweiz entscheiden.

Kann die Heilsarmee in Reinach ein solches Vorhaben alleine stemmen?

Nein, als Ortsgemeinde können wir den Bau natürlich nicht allein finanzieren. Aber ein Teil wird von den Mitgliedern hier aufgebracht – obschon viele finanziell kein grosses Polster haben. Zudem können wir unsere Liegenschaft an der Stumpenbachstrasse verkaufen, die ja dann nicht mehr gebraucht wird. Trotzdem sind wir noch auf Unterstützung angewiesen. Die Heilsarmee Schweiz finanziert das Projekt mit.

Wird das Projekt dieses Jahr konkret?

Ja, ich hoffe es sehr. Wir sind intensiv dran. Wie gesagt, im März wird definitiv entschieden. Danach geht es an die Detailplanung und die Baueingabe. Eins ist sicher: Ende 2017 läuft die Bewilligung für das Zelt ab, bis dahin müssen wir eine Lösung haben.