Unterkulm
Hausversteigerung: Ein Handwechsel in 16 Minuten

Andrea Schmalz braucht keinen Hammer, wenn sie ein Haus versteigert. Die Worte "zum Ersten, zum Zweiten, zum Dritten" spricht sie seit Beginn des Jahres mindestens monatlich aus - die Steigerungen sind stark angestiegen.

Peter Weingartner
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Betreibungsbeamtin Andrea Schmalz (rechts) leitet die Versteigerung. WPO

Betreibungsbeamtin Andrea Schmalz (rechts) leitet die Versteigerung. WPO

Peter Weingartner

Die Steigerung einer Liegenschaft ist nie schön. Man denke etwa an die Gant, wenn ein Bauer sein Lebenswerk unter dem Hammer verscherbeln lassen muss. In Unterkulm wird ein Einfamilienhaus versteigert. Andrea Schmalz vom Betreibungsamt, assistiert von Ursula Morgenegg, schwingt keinen Hammer. Im Gemeindesaal des Gemeindehauses versammeln sich die Kaufinteressenten. Eine Steigerung ist öffentlich; man kann auch aus Neugier hingehen, ohne die 40'000 Franken, die der Käufer dabei haben muss.

23 Personen sind da, Paare, Einzelpersonen. An der Tafel stehen die einschlägigen Zahlen: Schätzungswert 351'757.20 Franken, Erhöhung 1000 Franken, Anzahlung 40'000 Franken, Mindestpreis 341.55 Franken. «Ganz andächtig», beschreibt eine Frau um 15.53 Uhr die Stimmung. Sie ist mit ihrem Mann zum ersten Mal an einer solchen Veranstaltung, mal sehen, wie das abläuft. Ja, sie meinten es ernst, wobei sie sich unterschiedliche Gebots-Obergrenzen gesetzt hätten.

16 Uhr: Ursula Morgenegg schliesst die Türe. Niemand will das Lastenverzeichnis vorgelesen bekommen. Ein schriftliches Gebot liegt nicht vor. «Sagen Sie deutlich und verständlich Ihren Namen, Vornamen und Wohnort», sagt Andrea Schmalz. Ursula «Wer macht das erste Angebot?», sagt die Steigerungsleiterin. Der Vertreter einer Immobilienfirma aus Zürich bricht das Eis: 50'000 Franken. Die Steigerung ist lanciert. Bei 90'000 Franken steigt ein Reinacher Unternehmer ein, bei 130'000 Franken eine Frau aus Winterthur mit fremdsprachigem Akzent. Der Zürcher steigt bei 225'000 Franken wieder aus.

Zweikampf zum Schluss

Schlag auf Schlag gehts im Zweikampf zwischen Reinach und Winterthur, wobei der Reinacher keinen Zweifel offenlässt, dass er das Objekt will. Da betritt noch ein Mann den Raum. Zu spät: Ursula Morgenegg muss ihn bitten, den Saal wieder zu verlassen. Es gibt Regeln. Mit zwei Geboten, 325'000 und 335'000 Franken mischt sich spät ein Einheimischer ein. «350'000 Franken zum Ersten, 350'000 Franken zum Zweiten, und 350'000 Franken zum Dritten!», sagt Andrea Schmalz um 16.16 Uhr. Der Unternehmer aus Reinach erhält den Zuschlag, noch müssen die Anwesenden bleiben, könnte er die Anzahlung von 40'000 Franken nicht leisten, ginge die Steigerung weiter.

«Ich vermiete das Haus Angestellten meiner Firma», sagt der neue Besitzer, der noch bis 400'000 Franken mitgegangen wäre, «wir können selber renovieren, haben Fachleute im Betrieb.» Er besitzt mehrere Immobilien, und auch Nutzfahrzeuge hat er schon ersteigert. Wenn eine Familie für das Haus mit Umschwung – das Grundstück im mittleren Wynental misst 667 Quadratmeter – 1500 Franken bezahlt, sei er zufrieden. Die Altlast auf dem Grundstück, eine ehemalige Tankanlage, macht ihm keinen Kummer: «Das hebe ich aus; ich will keine Altlast.»

Noch kann es zwei Monate dauern, bis der Handel rechtskräftig ist. Und der Besitzerin kündigen, sei Sache des Käufers, sagt Andrea Schmalz. Er könne Eigenbedarf anmelden. Wenn sie das Haus nicht verlassen wolle, beginne halt das juristische Verfahren. Angeschaut hat der neue Besitzer das Objekt nicht genau. Bei der «Wundertüte» bestehe Räumungsbedarf, wissen die Frauen vom Betreibungsamt.

Die Steigerung von Liegenschaften habe zugenommen. «Seit 2011 hatten wir bis Ende 2015 fünf Jahre lang keine», sagt Ursula Morgenegg. Und dieses Jahr fast jeden Monat eine. Wie kann es so weit kommen, dass jemand sein Heim verliert? Wenn die Hypothekarzinsen nicht mehr bezahlt würden, verlange die Bank die Verwertung, sagt Andrea Schmalz. Oft beginne es damit, dass Briefe nicht mehr geöffnet und damit wichtige Informationen verpasst würden: «In der Regel lässt sich mit der Bank eine Lösung finden, wenn man mit ihr das Gespräch sucht.»

Die Gründe für die Gleichgültigkeit seien vielfältig: Arbeitslosigkeit, Krankheit (auch psychische), Sucht, Scheidung, Kontrollverlust über den Konsum. Probleme, die über den Kopf wachsen.