Reinach
Hausarzt hört auf – und findet trotz siebenjähriger Suche keinen Nachfolger

Urs Schlör schliesst am Mittwoch seine Praxis in Reinach – der Hausarzt hat trotz siebenjähriger Suche keinen Nachfolger gefunden. «Heute will niemand mehr alleine eine Praxis führen.»

Rahel Plüss
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Stethoskop und Blutdruckmessgerät in einer Hausarztpraxis (Symbolbild)

Stethoskop und Blutdruckmessgerät in einer Hausarztpraxis (Symbolbild)

Keystone

Gut 34 Jahre ist es her. Urs Schlör muss nicht lange überlegen: «Es war der
26. Oktober 1981, als ich meine Praxis eröffnete.» Morgen wird er seine letzten Sprechstunden abhalten. Danach schliesst er seine Praxistür für immer.

Sieben Jahre lang hatte der Reinacher Hausarzt nach einem Nachfolger gesucht. In in- und ausländischen Ärztezeitschriften habe er inseriert, auf Kongressen herumgefragt, seine vielen persönlichen Kontakte genutzt – vergebens. Niemand wollte seine Praxis weiterführen.

«Die Jungen wollen keine unternehmerische Verantwortung mehr tragen», sagt Schlör, «und sie wollen abends heim.»

Nicht wie er, Abend für Abend da sitzen, bis der letzte unvorhergesehene Patient gegangen und der Bürokram erledigt ist, oder – wie früher – sonntags auch noch auf Visite ins Spital gehen.

In einer Gemeinschaftspraxis lasse sich das besser regeln, man könne sich punkto Einsätze abwechseln und die Kosten, die Infrastruktur teilen. «Allein», Urs Schlör seufzt, «das ist heute schwer, das will keiner mehr.»

Das bestätigt auch Hans-Ulrich Iselin, Präsident des Aargauischen Ärzteverbands: «Praxen mit weniger als zwei Ärzten wird es bis in ein paar Jahren keine mehr geben.» Zu unattraktiv seien die Konditionen. «Die Einzelpraxis ist ein Auslaufmodell.»

Hausarztpraxen sind «übervoll»

Zurück zu Schlör nach Reinach: Morgen ist also Schluss. Kein leichter Schritt für den 72-Jährigen. Schliesslich habe er manche Patienten 34 Jahre lang begleitet und es sei ihm nicht egal, was aus ihnen werde, wo sie unterkämen.

Ein schwieriges Thema: Die wenigen Hausarztpraxen, die es im Oberwynental noch gibt, sind bereits «übervoll», wie es etwa bei der Praxis von Jakob Zeller in Reinach heisst.

«Wir nehmen seit Jahren keine neuen Patienten mehr», sagt die medizinische Praxisassistentin Ursula Gloor auf Anfrage.

Ähnlich tönt es in Menziken bei der Gemeinschaftspraxis von Karin und Martin Amstutz und in Gontenschwil in der Praxis von Manuel Bischof. Ja, sie bekämen die Praxisschliessung, aber auch den allgemeinen Hausärztemangel, durchaus zu spüren, sagen die Praxisassistentinnen am Telefon einhellig. Anfragen abzulehnen gehöre zum Alltagsgeschäft.

Im Falle Schlör machen aber alle drei Praxen eine Ausnahme. Sie übernehmen einzelne Patienten – aber nur Familienangehörige von Patienten, die schon in der Praxis als Patient registriert seien.

Und die anderen? Für sie hat Urs Schlör im Xundheitszentrum Beromünster in Gunzwil eine Lösung gefunden – eine ausserkantonale. Ist das punkto Krankenversicherung ein Problem? «Für Patienten mit normaler Grundversicherung nicht», sagt Hans-Ulrich Iselin vom Ärzteverband.

Christophe Kaempf vom Krankenkassenverband Santésuisse präzisiert: «Gemäss Krankenversicherungsgesetz können die Versicherten für die ambulante Behandlung frei wählen.»

Die Versicherung übernehme aber die Kosten höchstens nach dem Tarif, der am Wohn- oder Arbeitsort der versicherten Person oder in deren Umgebung gelte.

Die verwaisten Patienten aus dem Oberwynental haben Glück: Die Tarife sind im Kanton Luzern tiefer als im Aargau, daher stellt sich die Frage nach der Übernahme des Preisunterschiedes nicht.

All jenen Patienten, die ein Hausarztversicherungsmodell gewählt haben, rät Christophe Kaempf jedoch, vor dem Wechsel zu prüfen, ob der neue Arzt auf der Liste der Krankenkasse als Hausarzt aufgeführt ist.

Der Präsident des Ärzteverbands stellt klar: «Kollege Schlör hat das einzig Mögliche getan und verantwortungsbewusst gehandelt.»

Für die Versicherten sollte sich aus der Übernahme des Patientenstamms durch eine Gruppenpraxis kein Nachteil ergeben, auch wenn diese ausserhalb des Kantons liege. Probleme könnten sich höchstens für jene ergeben, die von Prämienreduktionen aufgrund eines Netzwerk-Vertrags ihrer Kasse profitieren, wenn die neue Praxis nicht Teil des bisherigen Netzwerks sei. «Die Verantwortung, dass das korrekt gehandhabt wird, liegt allein bei der Versicherung.»

Die Hausärztesituation im Bezirk Kulm beurteilt Iselin als «noch nicht dramatisch, aber kritisch».

Es sei an der Zeit, dass die Gemeinden gemeinsam mit den Ärzten nach Lösungen suchten, um die Grundversorgung in der Region zu erhalten. Für das Oberwynental hat der Präsident des Ärzteverbands eine Vision: Warum nicht eine Hausarztpraxis am Spital einrichten?

«Kein Ambulatorium, das nach den wirtschaftlichen Kriterien eines Krankenhauses funktionieren muss, sondern eine echte, kostengünstige Betreuung durch ein Team von selbstständigen Grundversorgern.»