Bezirksgericht Kulm

Hat er dem Nachbarmädchen an die Brust gegriffen? 40-jähriger Familienvater musste vor Gericht

Der Angeklagte soll laut Anklageschrift einem damals 13-jährigen Nachbarsmädchen an die Brüste gegriffen haben. (Symbolbild)

Der Angeklagte soll laut Anklageschrift einem damals 13-jährigen Nachbarsmädchen an die Brüste gegriffen haben. (Symbolbild)

Im Zweifel für den Angeklagten: Ein 40-jähriger Familienvater wurde am Bezirksgericht Kulm freigesprochen.

Nötigung und sexuelle Handlungen mit Kindern – das waren die Straftatbestände, welche die Staatsanwaltschaft Zofingen-Kulm einem 40-jährigen Familienvater aus dem oberen Wynental zur Last legte. Emir (Name geändert), vor rund 20 Jahren aus dem früheren Jugoslawien in die Schweiz gekommen, soll laut Anklageschrift im Eingangsbereich des Wohnblocks, in dem er mit Frau und Kindern wohnte, ein damals 13-jähriges Nachbarsmädchen gegen die Wand gedrückt und ihm während fünf bis zehn Sekunden mit beiden Händen über dem Pullover an die Brüste gegriffen haben. Dafür forderte die Staatsanwaltschaft eine unbedingte Geldstrafe von 180 Tagessätzen zu 60 Franken und fünf Jahre Landesverweisung.

Während der Befragung wurde alles viel schlimmer

Die Darstellung der Anklage hörte sich, wie Emirs amtlicher Verteidiger Luc Humbel vor dem Bezirksgericht Kulm durchblicken liess, weit dramatischer an als das, was Silvia M. (Name geändert) in der ersten Einvernahme ausgesagt hatte. Dort war erst von einer eher flüchtigen Berührung mit der flachen Hand im Brustbereich die Rede gewesen – und davon, dass Emir der Schülerin «ein wenig den Weg versperrt» habe. Erst im Gefolge der Befragungen, so der Verteidiger, hätten die Aussagen des Mädchens – und nie aus eigenem Antrieb – eine Steigerung erfahren.

Lamellenstoren in waagrechter Position

Das Gericht hatte auch eine Befragung des Mädchens als Auskunftsperson angeordnet, doch es erschien nicht. «Meine Tochter prestiert das nicht», sagte dazu die Mutter, welche die Straf- und Zivilklägerin von Gesetzes wegen vertrat. Auch die Staatsanwaltschaft verzichtete auf eine Teilnahme an der Verhandlung vor Gerichtspräsidentin Yvonne Thöny Fäs als Einzelrichterin.

So gab vor Gericht einzig der Beschuldigte seine Version des Vorfalls zu Protokoll. Dabei blendete er zurück auf den frühen Morgen jenes Novembertages: Stockdunkel sei es gewesen, als er auf den Weg zur Arbeit auf dem Aussenparkplatz ins Auto stieg. Ein einziges Zimmer sei hell erleuchtet gewesen. Da habe er – schon zum zweiten Mal – durch die waagrecht gestellten Lamellenstoren gesehen, wie Silvia M. das T-Shirt gewechselt habe.

Nach dem Mittagessen wollte Emir den Wohnblock mit seinem Sohn zusammen verlassen und ging die Treppe hinunter. Da der Sohn erst wenig später nachfolgte, wartete der Vater auf ihn im Eingangsbereich des Gebäudes. Doch nun ging eine andere Wohnungstüre auf und Silvia M. kam die Treppe herunter. Da sei ihm eingefallen, so der Beschuldigte, was er am Morgen wahrgenommen hatte. Und er habe gedacht, er müsse dem Mädchen sagen, man könne bei ihm ins Zimmer blicken und es solle deshalb doch die Storen ganz runtermachen. Silvia M. habe kein Wort mehr gesagt, aber ihr Gesichtsausdruck habe verraten, dass sie schockiert war. Dass er Silvia an die Brüste gefasst habe, stimme nicht. Die Schülerin habe das Haus darauf verlassen.

Am Abend warteten vier Polizisten

Am Abend warteten vier Polizisten mit zwei Streifenwagen auf Emir, legten ihn auf dem Parkplatz in Handschellen und nahmen ihn für einen Tag in Untersuchungshaft. Am Tag nach der Entlassung sprach er, offenbar auf Anraten der Polizei, an der Wohnungstüre der Familie M. vor. Dort sei er mit Schimpfwörtern eingedeckt worden, erzählte er vor Gericht. Er sei krank, habe es geheissen. Und pädophil. Im Übrigen sei die Verwaltung informiert. Er müsse raus aus dem Haus. Ihm und seiner Familie wurde dann auch tatsächlich gekündigt.

«Wenn schon, höchstens sexuelle Belästigung»

Der Verteidiger bestritt das Vorliegen des Tatbestands der Nötigung wie auch der sexuellen Handlung mit einem Kind und forderte einen Freispruch auf der ganzen Linie. Er verwies dabei auf ein am 28. November publiziertes Bundesgerichtsurteil in einem ähnlich gelagerten Fall (AZ vom 16. 12. 2019). Wenn schon, hätte höchstens eine sexuelle Belästigung vorgelegen, sagte er. Anders als die Strafklägerin, so Humbel, habe sein Mandant stets gleichlautend und konzis ausgesagt. Das Aussageverhalten der Klägerin – mit der «bemerkenswerten Steigerung gegenüber der Erstaussage» – sei dagegen nicht konzis und aus der Sicht der Verteidigung fragwürdig.

Freispruch in allen Anklagepunkten

Die Richterin sprach Emir vollumfänglich frei. Für die ausgestandene Untersuchungshaft von einem Tag sprach sie ihm 200 Franken zu. Auch wenn man davon ausgehe, dass sich das Ganze wie in der Anklageschrift geschildert abgespielt habe, erklärte Thöny, habe keine Nötigung vorgelegen. Dafür wäre eine intensivere Druckausübung nötig gewesen. Und wenn der Beschuldigte tatsächlich Silvias Brüste angefasst haben sollte, habe es sich nicht um eine sexuelle Handlung mit einem Kind, sondern lediglich um eine (von der Staatsanwaltschaft aber nicht vorgehaltene) sexuelle Belästigung gehandelt. Mit Blick auf die Andeutungen von Blockbewohnern, wonach es schon frühere Vorfälle gegeben habe, stellte die Richterin fest, dieses unvorteilhafte Bild des Beschuldigten habe sich aufgrund der Zeugenaussagen vor dem Gericht zerschlagen.

Autor

Ueli Wild

Ueli Wild

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