Unterkulm

Häuptling Hürzeler auf Schulbesuch

Der Besuch von Alex Hürzeler sorgt für Aufregung im Kindergarten.

Der Besuch von Alex Hürzeler sorgt für Aufregung im Kindergarten.

Was die Schule dem Aargauer Bildungsdirektor bei dessen Besuch zeigt, entscheidet sie selbst. an Gesprächsstoff mangelt es jedenfalls nicht.

«Schon ganz fertig angezogen» sei sie gewesen, als ihre Mutter heute früh ins Zimmer kam, um sie zu wecken, erzählt Leonie stolz und steckt eine nächste braune Kunststoffperle auf die Igelplatte. Ein prüfender Blick. Sie hatte oben begonnen, bei den Stacheln. Jetzt bekommt der Igel seine schwarze Nase. «Ich konnte nicht mehr länger schlafen», sagt die Sechsjährige zur Journalistin. «Vor lauter Aufregung. Wegen des Besuchs.»

Das Mädchen deutet mit dem Kopf in Richtung Nebentisch. Dort beugt sich Regierungsrat Alex Hürzeler gerade zu ein paar anderen Kindern herunter. Was sie da machten, will er wissen, und ob sie gerne in den Kindergarten gingen. Das tun sie. Das ist nicht zu übersehen. Einer der Knaben möchte sogar «für immer hier bleiben», wie er dem Bildungsdirektor später hinter vorgehaltener Hand verrät.

Individuelle Einblicke gefragt

Rund fünfmal im Jahr geht «der Häuptling», wie sich Hürzeler vor den Kindern manchmal selber nennt, irgendwo im Aargau auf Schulbesuch. Gestern war er an der Primarschule in Unterkulm. Christian Aeberli, Leiter der Abteilung Volksschule, hatte ihn begleitet. «Unser Programm ist, dass es kein Programm gibt», sagt Aeberli, als die beiden Kantonsvertreter das Fünftklasszimmer von Lehrer Markus Ambs verlassen. Auf diese Weise sei jeder Besuch individuell und es würden unterschiedliche Einblicke ins Schulgeschehen möglich. «Es gibt Orte, an denen werden wir mit Liedern und Fähnchen empfangen», so Aeberli, andernorts müsse man «um einen Kaffee bitten». Hier in Unterkulm trifft, «zum Glück» – wie Aeberli unschwer erkennen lässt – weder das eine noch das andere zu. Neben Einblicken in verschiedene Klassenzimmer war auch Zeit für Gespräche mit der Schulleitung, der Lehrerschaft und Vertretern der Schulpflege.

Der Bildungsdirektor wollte nämlich nicht nur von den Kindergartenkindern wissen, ob es ihnen gefalle, er fragte auch die Junglehrerin, wie sie den Berufseinstieg erlebt und ob man sie in der Ausbildung ausreichend darauf vorbereitet habe. Den «alten Hasen», der von der Oberstufe an die Primarschule gewechselt hatte, sprach er auf seine Erfahrungen punkto Umstellung auf die sechsjährige Primarschule an. Von der Schulleiterin wollte er wissen, was das Qualitätsmanagement-System bringe, und von der Kindergartenlehrperson, ob sie besser integriert sei, seit der Kindergarten zur Volksschule gehöre.

Obwohl es bei diesen Besuchen nie das Ziel sei, «grosse Politdiskussionen zu führen», wie Hürzeler eingangs sagte, standen während des kurzen Besuchs doch Kernthemen, wie die Heterogenität in den Klassen oder die Notwendigkeit von DaZ-Stunden (Deutsch als Zweitsprache), im Zentrum – nicht nur im Gespräch mit den Lehrkräften. Im Kindergarten- wie im Fünftklasszimmer erfährt der Bildungsdirektor «live», wie diesen Themen in der Schulpraxis begegnet wird: beispielsweise mit personeller Unterstützung für schwächere Schüler oder einer flexiblen Handhabung des Halbklassenunterrichts. Die Praxisbeispiele scheinen Häuptling Hürzeler überzeugt zu haben, er lässt sich jedenfalls doch noch zu einem politischen Statement hinreissen: «Die Politik hat wohl richtig entschieden, diese Sparmassnahmen abzulehnen», sagt er und nimmt damit Bezug auf den Grossratsentscheid, wonach die ungebundenen Lektionen und das DaZ-Angebot im Kindergarten und an der Volksschule vorerst nicht reduziert werden.

Das Kindergartenmädchen mit den dunklen Zöpfchen lassen diese Aussagen freilich kalt. Nicht aber der Besuch. Begeistert führt es dem Bildungsdirektor seine selbst gebastelte Maske vor. Der Journalistin erklärt es mit übertrieben ernster Mine, welch gedrängtes Programm es doch heute habe. Schliesslich sei dieser Besuch längst nicht alles an diesem Vormittag, es gebe noch einen Geburtstag zu feiern und dann käme auch noch die Zahnputzfrau.

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