Im letzten Frühling wollte Marino Ferretti (alle Namen geändert), ein Herr in den Sechzigern, mit seiner Frau ein feines Znacht in einem Wynentaler Restaurant geniessen. Die Leinenschlaufe seines Hundes Judith, ein American Staffordshire Terrier, wickelte er ums Stuhlbein. Judith verhielt sich ruhig, lag unterm Tisch. Bis Ferretti aufstand, um einen Kollegen zu begrüssen. Da sprang auch Judith auf und rannte zu einem anderen Hund namens Bello.

Die Meinungen zu dem, was danach geschah, gehen auseinander. Die Staatsanwaltschaft wirft Ferretti Widerhandlung gegen das Hundegesetz vor. Er habe Judith, einen Listenhund, nicht richtig festgebunden. Ausserdem sei Bello von Judith gebissen worden und musste vom Tierarzt behandelt werden.   

Mit dieser Version war Ferretti aber nicht einverstanden. Deswegen erschien er letzte Woche vor dem Bezirksgericht in Unterkulm. Ferretti hinkte leicht, als er den Gerichtssaal betrat und sich lässig auf den Sessel im Zeugenstand setzte. Der Mann ist gebürtiger Italiener, spricht Schweizerdeutsch. Zusammen mit seiner Familie betreibt er eine Garage, hilft aber nur aus. Grosses Geld verdiene er dabei nicht, er beziehe eine Invalidenrente, sagte er. Gerichtspräsident Christian Märki fragte Ferretti, ob er noch wisse, um welche Delikte es bei seinen vier Vorstrafen gegangen sei. «Nein, nicht wirklich. Da war was mit den Kontrollschildern. Und ich hatte einen Streit mit der IV», antwortet der Beschuldigte.

«Judith ist losgesprungen»

Dann wurde über die Ereignisse im Restaurant gesprochen. «Ja, Judith ist losgesprungen, als ich aufstand, um meinen Bekannten zu begrüssen», gibt Ferretti zu. «Sie wollte aber nur mit dem anderen Hund spielen! Es gab kein Gebell. Und sie hat den anderen Hund nicht gebissen, sie hat sich einfach auf ihn gelegt!»

Der Beschuldigte erzählte, dass er Judith sofort hinterhergegangen sei, um sie zurückzuholen. Dann habe er mit Bellos Halterin gesprochen, sie gefragt, ob alles in Ordnung sei oder ob er ihren Hund ins Tierspital fahren solle. «Sie sagte ‹Nein, nein, alles in Ordnung›», betont der Beschuldigte vor Gericht.

Richter Märki wollte daraufhin wissen, warum Ferretti überhaupt angeboten habe, Bello ins Tierspital zu fahren, wenn doch nichts passiert sei. «Ich wollte einfach sicher sein. Die Leute sind heute alle so kompliziert.» Ferretti erzählte, dass er Judith sogar mit ins Gericht bringen wollte, damit sich alle ein eigenes Bild davon machen können, wie lieb das Tier sei. Märki: «Hunde im Gericht sind nicht die Regel.»

Hund sitzt mit Baby auf Couch

Weiter erklärte Ferretti, dass Judith, der American Staffordshire Terrier, nicht ihm, sondern seinem Sohn gehöre. «Aber der lebt jetzt mit seiner Freundin zusammen, also passe ich auf Judith auf.» Sie sei schon neun Jahre alt, lebe also sowieso nicht mehr lange. «Ich bin keiner, der Tiere vernachlässigt», sagte er. Judith sei eine liebe und gemütliche Hündin.

In der Pause vor der Urteilsverkündung zeigte Ferretti der Reporterin ein paar Handyfotos: Darauf war Hund Judith zu sehen mit braun-weissem Fell, wie sie mit der Enkeltochter des Beschuldigten, einem Säugling, auf dem Sofa sitzt. Im Anschluss wollte Ferretti die Fotos auch dem Gerichtspräsidenten zeigen. Der lehnte ab.

Freispruch

Märki konnte auch ohne Hundebilder von Ferrettis Unschuld überzeugt werden und sprach ihn vom Vorwurf der Widerhandlung gegen das Hundegesetz frei. «Es gibt keine tierärztlichen Rechnungen oder Belege, die beweisen würden, dass Bello von Judith gebissen wurde.»

Warum dies trotzdem so im Strafbefehl stand, ist Märki unklar. «Bellos Halterin wollte verhindern, dass Judith noch einmal ausbüxt und dann etwas Schlimmeres passiert.» Ferretti habe zudem nicht fahrlässig gehandelt, da er Judith gesichert hatte und sie in der Nähe hielt.