Reinach AG

Gibts Kutteln, ist die Hütte bumstätschvoll — die Reinacher zeigen Durchhaltewillen

Brigitte und Oswald «Ossy» Frey in der Gaststube des «Central».

Brigitte und Oswald «Ossy» Frey in der Gaststube des «Central».

Die Reinacher Brigitte und Oswald Frey zeigen Durchhaltewillen – 30 Jahre eine Beiz führen ist kein Pappenstiel.

Am Anfang stand ein Versprechen: Brigitte Räber gelobte ihrem Mann, das «Central» nach seinem Tod weiterzuführen. Dabei waren Hans und Brigitte Räber mitten im Umbau – Heizung, Lüftung – als das Schicksal zuschlug: am 1. Juni 1989 starb Hans an Krebs.

Und heute, am 3. Januar 2020, feiert Brigitte mit ihrem neuen Partner Oswald, den sie 1996 geheiratet hat, ihr 30 Jahre Wirte-Jubiläum. Mit Musik, Bier und Pouletflügeli. Das Beizensterben ist ein verbreitetes Phänomen, und viele Wirte, die einen Gastrobetrieb übernehmen, geben bald wieder auf. Nicht so Brigitte (54) und Oswald (62) Frey. Ihr Vorteil: Das Haus gehört ihnen. «Und der Bank!», lacht Brigitte.

Das Wirten ist eine Knochenarbeit

Am Anfang – der Umbau belastete sehr stark – habe sie gut rechnen und sich einschränken müssen. Konkret: Service, putzen, kochen, alles selber machen. «Du kannst nicht meinen, du könnest acht Stunden arbeiten und weiss nicht wie viel verdienen», sagt Brigitte. Präsenz sei wichtig. Und man darf nicht über die Verhältnisse leben.

«Ich habe die Leute gerne», sagt Brigitte Frey, und man nimmt es ihr ab, wenn sie sagt, sie lebe für ihre Leute. Nach einem schweren Treppensturz, der sie sieben Monate ausser Gefecht setzte, ist das «Central» seit dem Mai wieder offen, aber erst ab 14 Uhr. Brigitte kann auf Hilfe zählen, von verschiedenen Personen. «Ich brauche jemanden zum Abschmecken», sagt Brigitte, denn der Unfall hat gewisse Nerven beschädigt. Da springt manchmal auch Ossy ein, der selber eine Schlosserei führt und unter anderem auch Treppengeländer macht.

Jammern ist nicht die Sache der beiden, die erblich vorbelastet sind: Brigittes Mutter arbeitete im Service, Ossys Eltern führten über 30 Jahre die «Waage» in Gontenschwil. Es sind die traditionellen Vereine, welche die familiäre Atmosphäre im «Central» schätzen: Jodler, Musikvereine, Turnvereine, aber auch die Modelleisenbähnler und die Guuggenmusikanten fühlen sich da wohl. «Von Montag bis Donnerstag haben wir Vereine», sagt Brigitte. Und ja, mehrheitlich ältere Gäste, die aber auch mal ein Grosskind mitbrächten. «Ich mag die Abwechslung», sagt Brigitte, «die verschiedenen Leute, mag es, mit ihnen zu plaudern.» So kenne man das halbe Dorf. Für Pro Senectute bietet das «Central» am 1. Donnerstag jedes Monats einen Mittagstisch an. Und einmal pro Monat wird auch gejasst; es gibt Spielnachmittage. Auch am Night Shopping jüngst machte das «Central» mit. Unbeschwert zusammensitzen und eins trinken, das passt. «Wie früher», sagt Brigitte. Früher, als noch 0,8-Promillle galten, die Arbeiter (Alu, Voco) zum Feierabendbier kamen, Handwerker und Bauarbeiter Zeit fürs Mittagessen hatten.

«Wir kommen am liebsten zu dir»

«Wir kommen am liebsten zu dir», hätten, so Brigitte, Männerriegler zu ihr gesagt. Da stellt sie ihre Flexibilität unter Beweis und macht spontan eine Kalte Platte bereit, wenn das gewünscht wird. Tradition wird gepflegt; das zeigt auch der Zapfhahn aus Emaille mit der Aufschrift «Hopfenperle». Das zeigen Tischtücher und Vorhänge, die Treichel der Oberwynentaler Jodler und ein Dankeschön auf Holz vom gleichen Verein. Das zeigen aber auch die Gerichte, die Brigitte Frey, die einst bei der Post arbeitete, auf den Tisch zaubert.

Metzgete und Wild gibts nicht im «Central». Dafür sind Brigittes Cordon-bleu-Kreationen bekannt. «Bumstätschvoll», so Oswald, sei die «Hütte» gewesen, als Freys anfangs November Kutteln und Grick (Kalbslunge und -herz) kredenzt hätten: 30 Mal Grick, 60 Mal Kutteln. Und sie feiern gerne, die Geburtstage der Wirtsleute, Brigittes Jahre als «Central»-Wirtin. Wildwestparty, Bock- und Kappenfest, Stiereparty, Juli-Hui-Party, Maifest. Da gibts dann auch mal Wädli mit Sauerkraut, Hörnli und Ghackets, Gulaschsuppe aus dem Gamellendeckel. Bodenständiges, wie es sich gehört für die «wohl einzige übriggebliebene Dorfbeiz von Reinach», wie Ossy meint.

Allzu weit in die Zukunft blicken Brigitte und Oswald Frey nicht. Sie nehmen es «vorewägg». Ein paar Jahre werden sie es schon noch «durchziehen». Und drei Wochen pro Jahr sind ihnen heilig: wenns richtig weit weg in die Ferien geht, nach Übersee, wie dieses Jahr nach Kuba. Aber heute ab 16 Uhr wird 30 Jahre Brigitte als Wirtin gefeiert. Platzreservationen gibt es nicht.

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