Interview mit Pfarrer
«Gewaltszenen im Alten Testament haben ihren Platz in Heilsgeschichte»

David Mägli ist der neue Pfarrer der reformierten Kirchgemeinde Leerau. Im Interview erklärt er, was es mit den gewalttätigen Szenen im Alten Testament auf sich hat und wie Religionen missbraucht werden.

Christine Fürst
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In der kleinen, aber schmucken Kirche fühlt sich David Mägli wohl.

In der kleinen, aber schmucken Kirche fühlt sich David Mägli wohl.

Jiri Reiner

Die Terroranschläge von letzter Woche in Frankreich beschäftigen auch Pfarrer David Mägli. Er sieht sich zwar nicht als Experte, nimmt aber trotzdem Stellung.

Was ist Ihnen durch den Kopf gegangen, als Sie von dem Attentat in Frankreich gehört haben?

Mir hat es leidgetan für die Opfer dieses schrecklichen Vorfalls und deren Angehörige. Aber es hat mir auch leid getan für die Menschen, welche das Attentat verursacht haben. Es hat uns gezeigt, zu was Menschen fähig sind.

Für viele ist das Attentat ein Grund mehr, gegen den Islam vorzugehen.

Ja, viele Vorurteile werden durch das Attentat zementiert. Ich denke, es hat auch damit zu tun, dass das christliche Denken nicht mehr in den Herzen der Menschen ist. Wir wissen selbst nicht mehr, wer wir sind. Alle kritisieren den Islam, statt sich zu fragen, was in den letzten Jahrzehnten falsch gelaufen ist, dass es so weit kommen konnte. Dieses Nachdenken hat auch in der Politik nicht stattgefunden.

Können Sie solche Grausamkeiten der Terroristen nachvollziehen?

Ich glaube, dass Menschen, wenn sie orientierungslos sind, keine Perspektive und keine Wurzeln haben, sich zu solchen Extremen angezogen fühlen können. Ich bin der Meinung, dass im Koran ein latentes Potenzial zur Anwendung von Gewalt vorhanden ist.

Ist das im Alten Testament nicht auch so?

Die Stellen im Alten Testament, in denen das Volk Israel in Gottes Auftrag Gewalt gegen andere Völker anwendet, haben ihren Platz in der geheimnisvollen Heilsgeschichte Gottes mit seinem Volk. Es sind keine allgemeinen, für immer gültigen Aussagen, wie mit Ungläubigen umzugehen sei. Sie sind in den geschichtlichen Kontext des Einzugs ins verheissene Land eingebettet und je einmalig. Die viel kritisierte Stelle «Auge um Auge, Zahn um Zahn» soll gerade nicht Gewaltvergeltung fördern, sondern sie einschränken, indem der «Entschädigungswert» klar definiert und so eine überbordende Vergeltung verhindert wird. Hinzu kommt natürlich, dass Jesus uns auch ein Neues Testament gebracht hat. Im Koran gibt es hingegen in verschiedenen Suren Verse, die ganz allgemein davon sprechen, wie ein Moslem Ungläubigen je nach Möglichkeit mit List oder Gewalt begegnen soll.

Durch diese Tat sind die Religionen allgemein in die Kritik geraten. Stört Sie das?

Nein, es stört mich nicht. Aber mich stört es, dass sehr viel mit Vorurteilen gearbeitet wird. Die echte Auseinandersetzung mit den verschiedenen Religionen fehlt oftmals. Mich stört es, wenn solche Vorfälle gebraucht werden, um sich selber in Szene zu setzen und andere zu instrumentalisieren. Die Politiker, die Journalisten und auch die Kirche sollten den Mund nicht zu voll nehmen.