Bezirksgericht Kulm

Geschlagen, getreten, gedemütigt: Mann wird bestraft, weil er Stieftochter nicht vor Mutter schützte

Eine Mutter schlug ihre Tochter – und der Stiefvater schaute nur zu und schritt nicht ein. (Symbolbild)

Eine Mutter schlug ihre Tochter – und der Stiefvater schaute nur zu und schritt nicht ein. (Symbolbild)

Geschlagen, getreten, gedemütigt: Ein Stiefvater schritt nicht ein, als seine Frau ihre Tochter schlug – dafür wird er jetzt bestraft

Gerichtspräsident Christian Märki schaltet den Fernseher im Saal des Kulmer Bezirksgerichts ein. Ein Video startet. Es zeigt ein Wohnzimmer, in dem eine Mutter ihre Tochter mit einer Jacke schlägt und sie an den Haaren zerrt, bis das Mädchen die Flucht ergreift.   

Im Raum sind noch andere Kinder anwesend, die dem Treiben zuschauen. Auch der Stiefvater des geschlagenen Mädchens ist im Raum. Aber anstatt einzugreifen und dem Kind zu helfen, bleibt er, mit einem Säugling im Arm, auf der Couch sitzen.

Diese und weitere Video-Sequenzen führten dazu, dass sich Boris (alle Namen geändert), der 45-jährige Stiefvater, am Donnerstag vor Gericht verantworten musste – weil er nicht einschritt.   

Dass die Staatsanwaltschaft die Videoaufnahmen überhaupt in die Finger bekam, geschah so: Boris ist Ingenieur und zog vor mehr als zehn Jahren aus seiner osteuropäischen Heimat ins Wynental. Er war zweimal verheiratet, hat drei eigene Kinder und eine kleine Stieftochter, Maria, die seine Frau Jolanda mit in die Ehe brachte.

Boris wusste, dass seine Frau Maria immerzu schlug und trat. Vor Gericht sagte er, dass er Jolanda häufig gesagt habe, dass man das in der Schweiz nicht darf. Jolanda stammt aus der Karibik. Um seine Frau davon abzuhalten, Maria zu misshandeln, installierte er eine Kamera in der Wohnung. «Ich arbeite 100 Prozent und wollte, dass sie sich auch in meiner Abwesenheit richtig verhält», sagte Boris vor Gericht in gebrochenem Deutsch.

Er nötigte seine Frau mit Videos

Damit hatte er nur wenig Erfolg. Das oben genannte Video wurde 2016 aufgenommen. Maria, heute zwölf, war damals knapp sieben Jahre alt. Das Kind wurde also während mehrerer Jahre von seiner Mutter geschlagen und gedemütigt.

Dann, im letzten Sommer, wollte sich Jolanda von Boris scheiden lassen. «Ich hatte Angst, dass sie mit den Kindern zurück in ihre Heimat geht», sagte Boris. «Das wäre für die Kinder nicht gut, sie hätten dort kein gutes Leben.» Also drohte er Jolanda. Sie soll bei ihm bleiben, oder er würde die Videos der Polizei geben – was er dann auch tat. Kurz darauf landete ein Strafbefehl in Boris’ Briefkasten.

Die Staatsanwaltschaft wirft ihm mehrfache Verletzung der Fürsorgepflicht vor, da er nicht einschritt, als Maria geschlagen wurde, versuchte Nötigung, weil er seine Frau mit den Videos erpressen wollte, und Tätlichkeiten, da er Maria eine Haarsträhne abgeschnitten hatte, ohne Einwilligung des Kindes. Gerichtspräsident Märki konfrontierte ihn mit den Videos: «Dem Kind wurde immer wieder erhebliche Gewalt zugefügt. Es ist doch klar, dass man dagegen etwas unternimmt.»

Wenig Reue erkennbar

Boris beteuerte mehrmals, dass er alles Mögliche getan habe, um seine Frau vom Schlagen abzuhalten. Er habe vor allem mit ihr diskutiert. Märki fragte, warum er im gezeigten Video nicht intervenierte: «Ich trug das Baby. Ich konnte nicht einschreiten, das hätte das Baby in Gefahr gebracht.» Auf die Frage, warum er Maria die Haarsträhne abschnitt, sagte Boris: «Ich habe den Kindern immer die Haare geschnitten. Sie waren zufrieden damit. Maria hing die Strähne immer in den Augen, das ist gefährlich. Also schnitt ich sie ab.»

Gerichtspräsident Märki sprach Boris im Anklagepunkt Tätlichkeiten frei. Der Zeitpunkt, zu dem Maria die Haarsträhne abgeschnitten wurde, sei unklar und könnte verjährt sein. In den Punkten der Nötigung und der Verletzung der Fürsorgepflicht wurde Boris für schuldig erklärt und zu einer bedingten Geldstrafe von 150 Tagessätzen à 80 Franken sowie einer Busse von 2000 Franken verurteilt. «Es ist wenig Reue erkennbar», sagt Märki. «Der Beschuldigte will die Schuld auf seine Frau schieben.»

Märki machte Boris darauf aufmerksam, dass Stiefeltern dazu verpflichtet sind, die Fürsorgepflicht für ihre Stiefkinder einzuhalten – das gilt auch für Konkubinatspartner. Märki sagte: «Das Kind wurde jahrelang geschlagen, getreten, gedemütigt und mit Wasser bespritzt. Der Beschuldigte hat dem Treiben zugeschaut und hat nichts unternommen, um dem armen Kind zu helfen.» Man könne sich vorstellen, was das in Maria ausgelöst habe. Gegen die Mutter hat die Staatsanwaltschaft ein separates Verfahren geführt.

Update: Laut Auskunft der Staatsanwaltschaft wurde die Mutter wegen mehrfacher einfacher Körperverletzung und mehrfacher Tätlichkeiten per Strafbefehl zu einer bedingten Geldstrafe von 180 Tagessätzen à 60 Franken und einer Busse von 3500 Franken verurteilt. Der Strafbefehl ist rechtskräftig.

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