Menziken
Geschichte des Spitals Menziken: Als es für Soldaten noch Rotwein gab

Vor 115 Jahren kostete die Nacht im Spital Menziken zwei Franken – für Einheimische. Die Chronik zum Jubiläum fördert Erstaunliches zutage.

Ann-kathrin Amstutz
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Ruedi Weber und Katja Schlegel bei der Lesung aus der Spitalchronik.

Ruedi Weber und Katja Schlegel bei der Lesung aus der Spitalchronik.

Ann-Kathrin Amstutz

Ein hölzerner Tragstuhl, auf dem so mancher Kranke sass. Eine alte Operationslampe, unter der Tausende in Narkose lagen. Und ein geblümtes Sofa, dessen samtenes Polster zum Ruhen einlädt: Die Sachen sind Zeugen aus der 115-jährigen Geschichte des Spitals Menziken. Passender könnte die Ambiance nicht sein für eine Lesung aus der Chronik, welche anlässlich des Jubiläums erstellt worden war.

«Chrut und Rüebli» im Archiv

Für die Lesung nahmen az-Redaktorin Katja Schlegel und Ex-Grossrat, Biolandwirt und Historiker Ruedi Weber auf dem Sofa Platz. Die Chronik ist ihr gemeinsames Werk: Sie, in Menziken aufgewachsen, ist die massgebliche Autorin, er hat als Chronist und «Noderi im Archiv» so manches Müsterchen ausgegraben. Wie ein Detektiv habe er die Informationen zusammengesucht, erzählt Weber. «Im Archiv war ‹Chrut und Rüebli durenand›, weil nie jemand Ordnung geschaffen hat.» Und jedes Mal, wenn das Archiv gezügelt wurde, seien ein paar Kisten in der Mulde gelandet – «das war einfacher, als sie herumzuschleppen und zu sortieren». Das gesammelte Material verarbeitete Katja Schlegel zu einer 35-seitigen Chronik über 115 Jahre Freud und Leid, Seuchen und erfolgreiche Operationen, Erweiterungsbauten und Geldnöte.

Katja Schlegel war prädestiniert für diese Aufgabe: Schon vor gut zehn Jahren beschäftigte sich die Journalistin eingehend mit dem Spitalvater Jakob Irmiger. Im letzten September erzählte sie Irmigers Geschichte dann auf Einladung von Therese Gautschi, Leiterin Pflegedienst, im Rahmen vom «Erzähltal» im Spital. «Seither hat Therese laut über eine Chronik nachgedacht, die ich schreiben sollte», sagt Katja Schlegel lachend. Schliesslich hat sie den Auftrag angenommen – vor zwei Monaten. Nicht viel Zeit, doch die Chronik ist auf den letzten Zacken fertig geworden: Zwei Tage vor der Lesung ging das Dokument in Druck. Auflage: 2000 Stück.

«Reformiert, noch ledig»

So lagen die Broschüren bereit, als sich rund 60 Zuhörer im Spital Menziken zur Lesung versammelten. Gebannt lauschten sie der Geschichte von Reinbert Hediger, bekannt als «Bäschelsamelis», der am 3. September 1902 als erster Patient ins Krankenasyl eintrat. Mit dem Vermerk: «Reformiert, noch ledig». Der Reinacher litt an Anaemia perniciosa, Vitamin-B12-Mangel. Ganze 67 Tage musste der 33-jährige «Bäschelsamelis» im Spital ausharren, bevor er «geheilt» wieder entlassen wurde.

Zwei Franken zahlten Einheimische wie «Bäschelsamelis» für eine Nacht im Spital; lohnender waren Soldaten (3 Franken) oder, noch besser, Offiziere: Sage und schreibe 4.50 Franken spülten sie pro Nacht in die Spitalkasse. Für die Soldaten im Preis inbegriffen war täglich ein «Dreierli» Rotwein. Ob es an der angenehmen Bewirtung lag, dass die Patienten damals durchschnittlich 29 Tage im Spital blieben? Heute, ohne Wein, verbringt der durchschnittliche Patient jedenfalls nur noch vier Tage im Spital.