Spitex

Gemeindeschreiber Mathys: «Lieber mehr Pflege, dafür weniger Bürokratie»

Hans Ulrich Mathys ist seit 42 Jahren Kanzler in Holziken und jetzt auch noch «Posthalter».  Peter Siegrist

Hans Ulrich Mathys ist seit 42 Jahren Kanzler in Holziken und jetzt auch noch «Posthalter». Peter Siegrist

Der Gemeindeschreiber von Holziken Hans Ulrich Mathys spricht über die überregionalen Spitex-Organisationen: «Patienten werden mehr verwaltet als gepflegt».

Hans Ulrich Mathys, seit 42 Jahren Gemeindeschreiber in Holziken und alt Nationalrat, hat bereits viele Strukturänderungen und Regionalisierungen in kantonalen und kommunalen Institutionen erlebt und mitgetragen. Im az-Gespräch begründet er, weshalb er von der für 2012 geplanten Spitex-Grossorganisation «Aarau West», die von Aarau bis Reitnau reichen soll, wenig hält. «Wer wagt es endlich, den Globalisierungs-Zug im Spitex- und Pflegeheimbereich zu stoppen?» Die Gemeinde Holziken hat auf einen Brief der Spitex Mittleres Wynental reagiert und sich öffentlich vernehmen lassen.

Herr Mathys, Sie kritisieren die Regionalisierung der Spitex-Organisationen heftig, Sie sprechen von Globalisierung, was läuft denn falsch?

Hans Ulrich Mathys: In der Grösse einer solchen Organisation findet man das Heil nicht. Bei diesen Mammut-Organisationen geht der Patient, der gepflegt werden sollte, oft vergessen.

Wie ist das zu verstehen?

Wir haben hier ein Missverhältnis: Viel zu viel Verwaltungsaufwand und zu wenig Pflegeaufwand. Dem muss man Einhalt gebieten. So kann es nicht mehr weitergehen.

Kennen Sie diese Erscheinung nicht schon von den Gemeindeverwaltungs-Reorganisationen?

Die Regionalisierung von Verwaltungssparten wie Zivilstandsämter oder der Feuerwehr zeigen: Alle diese fusionierten Organisationen kosten unter dem Strich keinen Rappen weniger.

Das haben Sie im Lauf der Zeit selber festgestellt?

Ja, das leckt keine Geiss weg: Grosse Gebilde in der Regionalisierung werden immer teurer, weil der administrative Aufwand grösser wird, das ist das Unheilvolle an dieser Sache.

Aber für die Patienten ist doch nur wichtig, dass jemand von der Spitex vorbeikommt?

Das ist das Problem. Heute werden die Patienten vielfach nicht mehr ausreichend gepflegt, sondern vor allem verwaltet. Wegen des hochgehaltenen Qualitätsmanagements wird der Patient vergessen. Meiner Ansicht nach haben wir auch überqualifizierte Fachkräfte im Einsatz. Früher waren es Pflegerinnen und Pfleger, welche die Patienten und ihre Bedürfnisse bestens kannten. Heute haben die Spitex-Leute teilweise einen Hochschulabschluss. Aber auf der Stufe Patient, da klappt es nicht mehr wie gewünscht.

Basiert diese Meinung auf Klagen aus der Bevölkerung?

Das ist ein offenes Geheimnis. Wenn Sie bei den Leuten nachfragen, lautet der Tenor für Spitex und Altersheime gleich: Zu wenig Zeit, zu wenig Zuneigung für den einzelnen Patienten oder Pensionär. Zu diesem Missstand äussert sich die Bevölkerung ganz klar. Es sind nicht nur Einzelne, die von Notstand reden.

Ein Notstand? Werden die Patienten schlecht betreut?

Ja, vor lauter Verwaltung bleibt für die genügende Pflege des einzelnen Menschen zu wenig Zeit.

Sie schreiben also den Missstand der übermässigen Verwaltung zu?

Ja, zum Teil, und ich bin mir nicht sicher, ob die Krankenkassen noch mitschuldig sind. Aber auch das Gesundheitsdepartement in Aarau und das Bundesamt für Gesundheit in Bern fördern diesen Trend zusätzlich.

Können Sie das ausdeutschen?

Heute sind diese Schreibtischtäter Leute, die vergessen, dass es um die Pflege der Patienten geht. Sie gehen mit einem Brett vor dem Kopf durch die Welt und denken fast ausschliesslich an die perfekte Verwaltung.

Die Verantwortlichen sprechen jedoch von Kostenoptimierung.

Das stimmt eben nicht. Eine Spitex, die in einer kleinen Zelle arbeitete, eine oder zwei Gemeinden zusammen, war viel günstiger. Die Leute erhielten die bessere Pflege, als es heute möglich ist.

Werden überhaupt Kosten eingespart?

Nein, überhaupt nicht, die Kosten für die Gemeinden sind eklatant gestiegen, ich habe das bei unserer Gemeinde festgestellt. Wir zahlen pro Jahr 45000 Franken Gemeindebeitrag an die Spitex.

Und da sehen Sie die Schuld bei der Verwaltung?

Teilweise ist die Verwaltung aufgebläht, teilweise sind die Organisationen viel zu gross. Der Pflegeaufwand steht in keinem Verhältnis mehr zum Verwaltungsaufwand. Beides driftet wie eine Schere auseinander.

Müssten Sie als Gemeinde nicht zufrieden sein, wenn die Kosten so klar definiert sind?

Das stimmt, die Budgetgenauigkeit ist vorhanden. Wir wissen, was die Spitex die Gemeinde kostet. Wir sehen aber auch, dass die Kosten im Verhältnis zur Leistung viel zu hoch sind.

Die Administration ist Ihrer Meinung nach der Kostentreiber?

Ja, erstes die übermässige Verwaltung und zweitens das zum Teil überqualifizierte Pflegepersonal, welches vor lauter Administration den Patienten vergisst.

Wie müssten Ihrer Ansicht nach die Spitex organisiert werden?

Die geplante Mammut-Organisation von Aarau bis Reitnau plus Ruedertal bringt den Patienten nichts. Eine Organisation, die über Kilometer hinweg ferngesteuert wird, kann für die Patienten nicht gut sein. Besser hätte man die kleinen Zellen – zwei, drei Gemeinden – bestehen lassen.

Der Trend geht aber in Richtung zentraler Stützpunkte.

Auf die grossen Stützpunkte, wo jeden Morgen zuerst besprochen wird, was man sonst noch Administratives verbrechen könnte, bevor man zu den Patienten ausrückt, sollte man verzichten.

Herr Mathys, was bedeutet das auf den Punkt gebracht?

Weniger Bürokratie, mehr Frontarbeit mit geeignetem, aber nicht überqualifiziertem, Pflegepersonal, darum geht es.

Sehen Sie von Gemeinde aus Möglichkeiten etwas abzuwenden?

Für eine kleine Gemeinde wie Holziken ist es praktisch unmöglich, diese Organisation wieder auf eine normale Basis zurückzuführen.

Folglich sind Sie der einsame Rufer in der Wüste?

Nein, ich habe aus der Bevölkerung viele Rückmeldungen von Leuten, die sich sorgen. Aber machen kann man kaum etwas, es ist der Zeitgeist, der heute regiert.

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