Lindenplatz-Kreisel
Gemeindeammann blickt zurück: «Reinach ist schöner geworden»

Dank der 41 Millionen Franken teuren Verlegung der WSB entstand in Reinach, wenn auch mit Verspätung, ein Dorfplatz.

Ann-Kathrin Amstutz und Urs Helbling
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Dorfplatz Reinach
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Auf dem historischen Foto sind die zwei Gebäude zwischen dem «Schneggen» (Turm) und dem Gemeindehaus zu sehen, die 2014 abgebrochen wurden.
Bis im Dezember 2002 war die Fahrt durch Reinach für die Automobilisten, insbesondere die Auswärtigen, der reinste Horror. Plötzlich tauchte die WSB vor ihnen auf.
Im Januar 2017 wurde die Linde gefällt, die bis anhin beim Lindenplatz stand.

Dorfplatz Reinach

Urs Helbling

Wer sich an die Zeit vor über 15 Jahren erinnert, wird feststellen: Reinach ist wie neu geboren. 2003 wurde die 41 Millionen Franken teure Verlegung der WSB eingeweiht. Es folgte die Sanierung der Hauptstrasse – mehr als nur die Entfernung der Tramschienen. Gebaut wurde in drei Etappen. Die letzte musste erdauert und erstritten werden. Nicht immer lief es so, wie sich das Reinachs Langzeit-Gemeindeammann Martin Heiz (68, FDP) vorgestellt hatte. Doch er sagt jetzt, in der Woche der Eröffnung des Lindenplatz-Kreisels: «Wir haben heute die bessere Lösung. Das muss ich im Nachhinein gestehen.» Und: «Reinach ist schöner geworden.» Die Gemeinde (8600 Einwohner) hat neu einen erkennbaren historischen Kern. Der «Schneggen», das Gemeindehaus (ursprünglich ein Kornhaus), die «Alte Mühle», der «Bären»: alles markante Gebäude. Frei einsehbar, weil es auf dem Lindenplatz keinen Kreiselschmuck gibt. «Wir wollen das Ensemble zeigen», erklärt Heiz den Verzicht. Dies geschehe in Absprache mit der Denkmalpflege.

Nein zu vierarmigem Kreisel

Wenn Reinach jetzt den Abschluss seiner Hauptstrassen-Sanierung feiern kann, hat es Gränichen und Suhr etwas voraus. Die beiden Gemeinden, in denen die WSB nicht nur eigenterrassiert, sondern verlegt wurde, warten noch immer auf die grundlegende Neugestaltung ihres Strassenraumes. In Suhr ist sie jetzt wenigstens im Bau, in Gränichen beginnt die Planung.

In Reinach fielen wichtige Entscheide an der Gemeindeversammlung im November 2002. Der Gemeinderat beantragte drei Sanierungsabschnitte: «Unterdorf», «Central» und «Lindenplatz». Die ersten beiden waren unbestritten, der dritte chancenlos – auch in einer nachfolgenden Referendumsabstimmung. Im Wesentlichen ging es um die Frage, wie der Verkehr aus und nach Pfeffikon geführt werden soll. Wie bis anhin zwischen dem «Bären» und dem Gemeindehaus hindurch oder über den Marktplatz direkt in den geplanten Kreisel – wofür zwei Altliegenschaften zwischen dem Gemeindehaus und dem Restaurant Schneggen hätten abgebrochen werden müssen. Die Gegner argumentierten mit der Zerstörung des Dorfbildes. Mehr noch: «Der Kreisel entwertet die historischen Bauten rund um das Lindenplatz-Gebiet für alle Zeiten.» Dass man dafür eine verkehrsfreie Zone zwischen dem «Bären» und dem Gemeindehaus erhalten hätte, vermochte die Gemüter nicht zu beruhigen.

Zwei Häuser doch abgebrochen

2004 wurde der Abschnitt «Unterdorf» eingeweiht, 2008 der Abschnitt «Central». Der Abschnitt «Lindenplatz» befand sich derweil beim Kanton in einer Warteschlaufe. «Die Mühlen mahlten langsam», erklärt Heiz. Statt eines vierarmigen sollte es nun einen dreiarmigen Kreisel geben. Im November 2012 war es dann soweit: Die Gemeindeversammlung konnte den Kredit bewilligen. Es gab zwar wieder Ortsbild-Diskussionen, doch der Entscheid fiel mit 190 zu 36 Stimmen eindeutig aus. Dass der Gemeindeanteil von gut 2 Millionen Franken schlussendlich nicht ausreichen würde, konnte niemand vorhersehen: Schliesslich war nicht bekannt, dass der im Rahmen der Strassensanierung abzubrechende, unterirdische Mühlekanal seinerzeit mit Bau- und anderem Zivilisationsschutt aufgefüllt worden war.

Obwohl der Platz nicht mehr für den Bau des Kreisels gebraucht wurde, kam es 2014 trotzdem noch zum Abbruch der beiden Altliegenschaften zwischen dem Gemeindehaus und dem «Schneggen». Die nun vorhandene freie Sicht auf den «Schneggen» erwies sich schnell als Gewinn – auch in den Augen der Ortsbild-Fundis. Und auf der freien Fläche entstand ein Platz, der sich immer mehr mit Leben füllt. Zum Beispiel mit dem Wochenmarkt jeweils am Samstag.

Brunnen wird versetzt

Nicht erst im Fall der «Braugarage» erwies es sich als Vorteil, dass die Gemeinde im Dorfkern relativ viele Liegenschaften besitzt. So gehört ihr auch die «Alte Mühle», in die zurzeit eine Gemeinschaftspraxis der Schweizer Ärztekasse eingebaut wird. Was die Weiterentwicklung des Platzes anbetrifft, hat Gemeindeammann Heiz eine Idee: Ihm schwebt der Bau eines Pavillons vor – nur hat die Gemeinde dafür gegenwärtig kein Geld. Gesichert ist aber die Finanzierung der Versetzung des Brunnens mit dem Bären und der Jahrgangszahl 1870. Statt hinter dem Gemeindehaus sollt er künftig auf dem neuen Platz stehen.

Viel Emotionen wegen Bäumen

Bei der ganzen Strassensanierung spielten Bäume immer eine besondere Rolle und boten Anlass für hitzige Diskussionen. So auch zuletzt beim Lindenkreisel. Entgegen der ursprünglichen Aussagen des Gemeinderates musste beim Lindenplatz die Linde, ein rund 20-jähriger Baum, doch gefällt und ersetzt werden. Sie stand einfach zu nahe beim Verkehr und hätte ständig zurückgeschnitten werden müssen. Was im Herbst 2016 noch ein Riesenthema war, ist zwischenzeitlich vergessen – zu gut passt die neue Linde ins Ensemble.

Gleiches war beim Abschnitt «Central» passiert. Es hatte dort sogar eine Bürgerinitiative «Verein Pro Linden» gegeben, welche die fünfzehn über 100 Jahre alten Sommerlinden entlang der Hauptstrasse retten wollte. Der Kanton hatte kein Einsehen, liess die Bäume in einer Nacht-und-Nebel-Aktion umhauen und dreizehn neue Winterlinden pflanzen. Insgesamt wurden im Rahmen des Hauptstrassenbaus über 50 neue Bäume gesetzt.

«Die bestmögliche Lösung»

Der dreiarmige Lindenplatz-Kreisel wird am Samstag eingeweiht (offizieller Akt mit Regierungsrat Stephan Attiger um 11 Uhr). In Betrieb ist er schon seit einigen Monaten. Und er hat sich bewährt – auch wenn die Benutzer der Pfeffikerstrasse jetzt beim «Bären» nicht mehr links abbiegen dürfen, sondern den Umweg über den Kreisel machen müssen. «Was wir jetzt haben, ist die bestmögliche Lösung für den Knoten», sagt Heiz.

Die Hauptstrasse durch Reinach wird täglich von 14'000 Fahrzeugen benutzt. Weniger als zehn Prozent sind Durchgangsverkehr. Mittelfristig soll die Hochauskreuzung noch optimiert werden. Ob mit einem Kreisel oder durch Ersatz der 25-jährigen