Bezirksgericht Kulm
Geldwäscherin oder Geldesel? Anwalt nennt Angeklagte «doof, dumm, naiv»

Ein Nebenjob brachte einer Wynentalerin statt Lohn Ärger und einen Prozess ein. Sie wurde von der Staatsanwaltschaft mit dem Vorwurf der Geldwäscherei konfrontiert.

Manuel Bühlmann
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33'000 Franken sollte die Wynetalerin per Post nach Russland schicken - das Geld wurde bei einem Hackerangriff erbeutet.

33'000 Franken sollte die Wynetalerin per Post nach Russland schicken - das Geld wurde bei einem Hackerangriff erbeutet.

KEYSTONE/MARTIN RUETSCHI

Arbeiten von zu Hause aus, flexible Einsatzzeiten, 2500 Franken monatlich: Das Jobangebot auf einem Kleinanzeigen-Onlineportal war verlockend – und kam für eine Wynentalerin genau zur rechten Zeit. «Ich war verzweifelt», sagt die 42-Jährige vor dem Bezirksgericht Kulm. Dass sie dort am Mittwoch als Beschuldigte erscheinen muss, liegt an ihrem ersten Auftrag, der gleichzeitig auch ihr letzter bleiben sollte.

Nachdem sie den Arbeitsvertrag der vermeintlichen Immobilienfirma unterschrieben und ihr Privatkonto angegeben hatte, wurden ihr rund 33 000 Franken überwiesen. Per Mail erhielt sie die Anweisung, das Geld abzuholen und per Post nach Russland zu schicken. Der Auftrag, den sie sogleich ausführte, brachte der gelernten Bankkauffrau 300 Franken – für ihre Umtriebe.

Geld von gehacktem Konto

Über den Zusatzverdienst konnte sich die arbeitslose Frau allerdings nicht lange freuen, die Staatsanwaltschaft eröffnete kurz darauf ein Verfahren gegen sie. Die Ermittlungen zeigten: Das Geld war bei einem Hackerangriff vom Konto einer Innerschweizer Immobilienfirma gestohlen worden.

Und plötzlich sah sich die Wynentalerin mit dem Vorwurf der Geldwäscherei konfrontiert. Per Strafbefehl wurde sie zu einer bedingten Geldstrafe von 50 Tagessätzen à 120 Franken und einer Busse von 1000 Franken verurteilt. Weil sie dagegen Beschwerde einlegte, muss das Bezirksgericht Kulm über den Fall entscheiden.

Das Verhalten der Beschuldigten ist für Gerichtspräsident Christian Märki nur schwer nachvollziehbar, das wird bei der Befragung rasch deutlich. Ob sie die Anweisungen nie hinterfragt habe, will er von ihr wissen. «Er war doch mein Chef», antwortet die Beschuldigte. Eine Erklärung, die sie während des Prozesses mehrmals wiederholt.

Klammern an den Strohhalm

Der Gerichtspräsident hakt nach und fragt, ob ihr auch dann keine Zweifel gekommen seien, als sie den Auftrag erhielt, das Bargeld nach Russland zu schicken? «Ich habe mir doch keine Gedanken gemacht.» Sie habe nur gemacht, was ihr die Firma gesagt habe. Den Ablauf habe sie im Nachhinein schon komisch gefunden, räumt die Beschuldigte ein. «Heute würde ich es nicht mehr machen.» Doch damals habe sie gehofft, endlich wieder eine anständige Arbeit zu finden. «Wissen Sie, wenn Sie einen Job brauchen, klammern Sie sich an jeden Strohhalm», erklärt sie dem Gerichtspräsidenten.

Ihr Verteidiger Willy Bolliger spricht von «Kadavergehorsam», der seine Mandantin dazu verleitet habe, die Anweisungen zu befolgen und beschreibt sie als «doof, dumm, naiv». Sie habe keine Ahnung von Finanzgeschäften, daran ändere auch ihre Banklehre nichts.

«Entschuldigung», sagt er kurz zur Beschuldigten, die neben ihm sitzt, um danach mit wenig schmeichelhaften Worten weiter den Eindruck eines unbedarften Dummerchens zu vermitteln. Sie sei das willenlose Werkzeug einer kriminellen Bande aus dem Osten geworden – und selbst Opfer. Der Verteidiger fordert für seine Mandantin einen Freispruch.

Die Drahtzieher gingen so professionell wie perfid vor: Sie suchten eine Immobilienfirma ohne Internetauftritt, fälschten für diese eine Website, schickten einen Arbeitsvertrag, nahmen telefonisch Kontakt mit der Beschuldigten auf und hackten das Konto einer Innerschweizer Immobilienfirma, um das Geld zu stehlen.

Kopfschütteln über die Naivität

Die Täter hätten ein Lügengebäude errichtet und seien geschickt vorgegangen, befindet auch Gerichtspräsident Christian Märki. Ein Phänomen, das seit Jahren bekannt ist; Geldesel werden die Helfer genannt. «Als solchen hat auch die Beschuldigte agiert», sagt Märki. Sie habe mit Sicherheit fahrlässig gehandelt; über ihr naives Verhalten könne man nur den Kopf schütteln.

Doch zentral sei eine «interessante und heikle Frage», wie sie Märki nennt: Hätte die Frau annehmen müssen, dass das Geld aus einem Verbrechen stammt? Dieser Beweis sei nicht erbracht, entscheidet er und spricht sie frei.

Ein Blick in den Nachbarkanton Zürich zeigt: Die Beschuldigte hatte Glück. Das Dietiker Bezirksgericht kam in einem sehr ähnlichen Fall zu einem anderen Urteil. Im Mai wurde ein Algerier wegen Geldwäscherei verurteilt, weil er zumindest eventualvorsätzlich gehandelt habe, wie die «NZZ» berichtete.

Ob das Verfahren gegen die Wynentalerin auch noch das Aargauer Obergericht beschäftigen wird, hängt von der Staatsanwaltschaft ab, die am Prozess in Unterkulm nicht anwesend war und das Urteil weiterziehen könnte. Der Frau droht auch ein Zivilprozess, weil der Inhaber der bestohlenen Firma die 33 000 Franken von ihr zurückfordert. Das Geld ist nicht wieder aufgetaucht.