Bezirksgericht Kulm
«Geht's noch?» – dann wurde er von zwei jungen Männern verprügelt

Ein junger Kosovare und ein junger Kroate wurden vom Bezirksgericht Kulm wegen leichter Körperverletzung zu einer bedingten Freiheitsstrafe von einem Jahr verurteilt. Sie hatten einen Geschäftsmann spitalreif geschlagen.

Peter Siegrist
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Im Gerichtssaal des Bezirksgerichtes Kulm

Im Gerichtssaal des Bezirksgerichtes Kulm

Peter Siegrist

Als Korab und Kron (Namen geändert) im Sommer 2010 im Wynental einen Geschäftsmann niederschlugen und verletzten, waren sie gerade mal 19 und 21 Jahre alt.

Diese Woche standen die beiden jungen Männer vor dem Bezirksgericht Kulm.

Das Gericht (Vorsitz Präsidentin Yvonne Thöny Fäs) sprach sie nach einer vierstündigen Verhandlung wegen «leichter Körperverletzung» schuldig und verurteilte sie zu einer bedingten Freiheitsstrafe von einem Jahr, zur Leistung von 8000 Franken Genugtuung und zur Übernahme der Gerichtskosten.

Vor Gericht machten Korab und Kron vom Aussageverweigerungsrecht Gebrauch. Sie wollten sich nicht zur Sache äussern. Schweigend sassen sie neben ihren amtlichen Verteidigern und liessen diese reden.

Zwei Autos waren am 5. Juli 2010 hintereinander talaufwärts auf der Hauptstrasse in Zetzwil unterwegs. Im ersten sass eine Frau, die kurz darauf zur Zeugin einer Aggression wurden, im zweiten Fahrzeug folgten Korab und Kron.

Die Frau blinkte und bog auf den Parkplatz der Dorfmetzgerei ein. Sie bremste ab und kam, bevor sie die Strasse ganz verlassen hatte, zum Stehen.

Die Platzeinfahrt war nicht frei, weil der Metzger sein Fahrzeug mit Anhänger abgestellt hatte und Waren auslud.

Die jungen Männer störte es, dass sie abbremsen mussten, sie parkierten ihr Auto neben der Frau, wiesen diese zurecht und beschimpften sie.

Der Geschäftsmann wurde auf die Szene aufmerksam und rief den beiden zu: «Geht es noch!». Korab und Kron verliessen darauf ihr Fahrzeug und liefen auf den Mann zu.

Als dieser die heikle Situation erkannte, ergriff er in seinem Auto einen Pfefferspray und hielt diesen hinter seinem Rücken fest.

Jetzt kam es zum wüsten Wortwechsel, bis dann einer der Jungen den Mann ein erstes Mal zurückstiess und ihm einen Hieb versetzte.

Es kam zur Rauferei und der Mann brachte seinen Spray zum Einsatz. Offensichtlich hatte er dabei nur mässig Erfolg.

Die Angreifer brachten den Mann zu Fall, rissen seinen Arm hoch und traten auf ihn ein. Dann stiegen sie in ihr Auto und fuhren weiter.

Der Metzger blieb verletzt liegen und musste notfallärztlich versorgt werden. Die Auseinandersetzung hatte Folgen: Sehnenriss in der Schulter und ein schmerzhafter Trümmerbruch der Kniescheibe.

Vier Operationen und eine lange Therapie an Knie und Schulter waren nötig. Der Mann war 5 1/2 Monate zu 100 Prozent arbeitsunfähig.

Er leidet bis heute an Schmerzen und eingeschränkter Beweglichkeit, wenn die Verletzungen auch als geheilt gelten. Medizinische Gutachten prognostizieren ihm ein erhöhtes Arthroserisiko.

«Die sinnlose Tat folgt einem heute gängigen Muster», erklärte der Staatsanwalt.

Junge Männer ärgern sich, fühlen sich provoziert und schlagen drein. Für ihn gehe die Aggression klar von den Tätern aus, obschon diese behauptet hätten, sie hätten wegen des Pfeffersprays aus Notwehr gehandelt.

Der Staatsanwalt plädierte auf schwere Körperverletzung. Verschärfend sei zudem, dass beide Täter bis heute nie Reue zeigten. Er forderte eine Freiheitsstrafe von 4 Jahren.

Der Verteidiger von Korab und die Verteidigerin von Kron hingegen plädierten beide für ihre Klienten auf auf Freispruch. Die Anklage zeige nicht auf, wer genau dem Opfer welche Verletzung zugefügt habe.

Zudem sei es möglich, dass sich das Opfer die Knieverletzung beim Sturz selber zugezogen habe, nachdem nachgewiesen sei, dass der Geschäftsmann alkoholisiert gewesen sei.

Beide Verteidiger rügten die Anklageschrift, deren Unvollständigkeit lasse es nicht zu, ihre Klienten zu verurteilen.

Ebenso liege keine «schwere Körperverletzung» vor, da Schulter und Knie wieder beweglich und damit geheilt seien.

Mit dem dem Spray habe der Kläger ihre Klienten provoziert. Der Staatsanwalt hielt an seinem Antrag fest und präzisierte: Der Mann hat Zivilcourage gezeigt, als er sich einmischte. Im Übrigen sei dies ein völlig sinnlose Tat.

Dem Gericht genüge die Anklageschrift zur Beurteilung, äusserte die Präsidentin. «Beide Täter haben gemeinsam gehandelt, das ist klar. Die Verletzungen sind nur im juristischen Sinn ‹leichte Verletzungen›, weil heilbar.»

Das Opfer sei mutig eingeschritten, habe jedoch nicht provoziert. Auch die Präsidentin vermisste bei Korab und Kron spürbare Reue und Mitgefühl.

Die Freiheitsstrafe von einem Jahr wird bedingt ausgesprochen (beide Täter sind nicht vorbestraft) mit einer Probezeit von zwei Jahren.

Zusätzlich müssen sie dem Opfer 8000 Franken Genugtuung zahlen.

Die Schadenersatzforderungen von weit über 40 000 Franken werden ihnen auf dem zivilgerichtlichen Weg übertragen.

Sie müssen für die Parteikosten des Opfers und die Verfahrenskosten (je 3000 Franken) aufkommen. Die amtliche Verteidigung geht zu Lasten Staat, diese müssen sie jedoch später zurückzahlen.

Auch beim Verlassen des Gerichtssaales ging weder Kron noch Korab ein Wort der Entschuldigung gegenüber des Opfers über die Lippen.