Oberkulm

Fusions-Abstimmung bescherte ihm ein Rekordpublikum – nun tritt Ammann Studiger ab

«Ich will nicht bis 77 politisieren. Man trägt schliesslich Verantwortung.» Gemeindeammann Edmund Studiger tritt nach zwei Amtsperioden als Gemeindeammann von Oberkulm zurück.

«Ich will nicht bis 77 politisieren. Man trägt schliesslich Verantwortung.» Gemeindeammann Edmund Studiger tritt nach zwei Amtsperioden als Gemeindeammann von Oberkulm zurück.

Ammann Edmund Studiger (73) hört auf. Der AZ erzählt er, warum er das Nein zur Fusion mit Unterkulm nicht persönlich nahm und warum er Unterwäsche sammelt.

Er war ein Spätberufener. Als Edmund Studiger 2006 in die Politik einstieg, war er bereits 62. Dabei war es nicht so, dass er sich nicht früher für Politik interessiert hätte. Gerne hätte er sich im Dorf engagiert. Die Schulpflege etwa hätte ihn gereizt. Aber er wurde nie angefragt. Und er war keiner, der sich vordrängte. Schliesslich sei ihm nicht langweilig gewesen, sagt er. Er habe in seiner Freizeit genug andere Interessen gehabt: Er habe wettkampfmässig gerudert, sei Rennrad gefahren, ein passionierter Läufer gewesen. Die Jahre vergingen, nichts passierte. Bis 2005, als SP-Gemeinderat Fritz Burkard seinen Rücktritt bekannt gab. Da wurde Studiger für die Nachfolge angefragt. Er sagte zu, wurde gewählt – und landete Mitten im Chaos. Unter den bisherigen Gemeinderäten herrschte Unstimmigkeit, es kam zu Rücktritten und Wiederwahlen. Studiger blieb. Und wurde neben dem frisch gewählten Ammann Martin Widmer (FDP) Vize.

Kein typischer Genosse

Edmund Studiger ist und war ein Exot: ein Linker im SVP-Dorf, einziger nicht bürgerlicher Gemeinderat. Zwar kandidierte er zunächst als Parteiloser und wurde auch als solcher gewählt. Portiert hatte ihn aber die SP. So besuchte er deren Versammlungen und trat den Genossen vier Jahre später bei. Das kam bei manchen Bürgerlichen nicht gut an. «Ich habe bei den Wiederwahlen nicht mehr das beste Resultat gemacht», sagt Studiger und ergänzt: «Aber das beste Resultat erzielen zu wollen, ist sowieso eine Illusion. Je mehr man sich politisch profiliert, desto mehr Feinde hat man.» Dabei habe er wenig Parteipolitik betrieben, sei sicher nie ein typischer Genosse gewesen. «Für mich ging es immer in erster Linie um die Sache.»

So hat ihn auch der ehemalige Ammann, Martin Widmer, erlebt. Auf Anfrage sagte er: «Es war immer angenehm, mit ihm zusammen zu arbeiten. Er war ein ruhiger Typ. Ein stiller Schaffer mit einer sozialen Ader.» Parteipolitische Probleme habe es praktisch keine gegeben. «Im Gegenteil, ich finde, Edmund war ein Glücksfall für unsere Gemeinde. Er hatte als frisch Pensionierter nämlich etwas, was wir anderen, die alle samt berufstätig waren, nicht immer auf Anhieb hatten: Zeit.» So traf und trifft man Studiger immer wieder auch im Dorf – nicht nur an offiziellen Anlässen. Er ist einer, der auf dem Spaziergang auch gerne mal für einen Schwatz am Gartenzaun stehen bleibt und ein Anliegen entgegennimmt.

Bereits in seinem ersten Amtsjahr war Studiger in seinem Stellvertreteramt gefordert. Als Ammann Martin Widmer plötzlich erkrankte, lagen die Geschicke der Gemeinde für zwei Monate in seiner Hand. Die Feuertaufe hatte er bestanden. Als Widmer 2009 nach acht Jahren nicht wieder kandidierte, trat Studiger in seine Fussstapfen. Zwei Amtsperioden ist er jetzt Ammann. Der Mann mit der sozialen Ader, der Umweltbewusste, der parteipolitische Aussenseiter, der Mann mit dem exotischen Hobby – das ihm manch schräger Blick einbrachte, wie er erzählt.

Studiger ist ein leidenschaftlicher Sammler. Aber nicht Briefmarken oder Postkarten haben es ihm angetan. Der Oberkulmer Gemeindeammann sammelt Unterwäsche. Allerdings nicht erst, seit er im Amt ist. Im Gegenteil. «Während der letzten Jahre hat meine Sammlung ziemlich stagniert», sagt er. Begonnen hatte es 1986. Sowohl das Auto wie der BH wurden in jenem Jahr 100-jährig. So wurde es jedenfalls damals verkündet. Studiger wunderte sich. Und ging, wie immer, wenn ihn etwas interessierte, der Geschichte auf den Grund. Zwar fand er heraus, dass die BH-Sache nicht stimmte, aber sein Gwunder war geweckt. Schliesslich gab es viele Autosammler, aber wer sammelte schon BH oder Unterwäsche? Er kannte niemanden. So forschte und sammelte er: in Brockenstuben und auf Antikmärkten, hauptsächlich in der Schweiz, aber auch im Ausland. Was er über die Jahre zusammengetragen hat, stösst inzwischen international auf Interesse und wurde schon in Deutschland und Österreich ausgestellt. Kaum jemand hat eine so konsistente Sammlung von Unterwäsche (Damen und Herren) seit der Erfindung um 1860.

Wird ein Unterwäsche-Sammler nicht schräg angeschaut? Studiger lacht. «Sammeln ist immer ein bisschen schräg», sagt er. «Heute nehme ichs gelassen. Meine Frau auch. Aber anfänglich habe ich mich schon manchmal unwohl gefühlt, über meine Unterwäsche-Sammlung zu sprechen.»

Ins Wynental kam der gebürtig Innerschweizer 1973. Aus beruflichen Gründen. Nachdem er seine Lehre als Betriebslaborant bei der Basler Chemiefirma Geigy Schweizerhalle absolviert, in der Lebensmittelindustrie und beim Kantonschemiker in Chur gearbeitet hatte, nahm er eine Stelle bei der Reinacher Firma I.F.F. AG (heute Frutarom) an. Nach einem Jahr orientierte er sich beruflich um, Oberkulm blieb er treu.

«Nicht bis 77 politisieren»

Exot Studiger ist auch ein Rekordhalter. Welcher Ammann kann schon von sich behaupten, um die 50 Prozent der Stimmberechtigen an eine Gemeindeversammlung zu locken? Die Aula war zu klein. Selbst die Neudorfturnhalle platzte aus allen Nähten. Die Leute sassen auch im Geräteraum und in den Gängen. Es war im November 2013. Traktandiert war die Fusion mit Unterkulm. Sie scheiterte. Haushoch. Eine harte Niederlage? «Ich habe das Fusions-Nein nie persönlich genommen», sagt er. «Deswegen den Bettel hinzuwerfen, war für mich kein Thema. Das Leben ging weiter. Man hat den Begriff Fusion einfach nicht mehr in den Mund nehmen dürfen.»

Auch wenn ihm manchmal politisch ein harter Wind entgegenschlug, und er im vergangenen Jahr mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hatte, Edmund Studiger hört nicht deshalb auf. «Ich trete einfach altershalber zurück. Ich will nicht bis 77 politisieren. Man trägt schliesslich Verantwortung.»

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