Seine Mutter roch nach Tabak. Der Geruch haftete an Kleidern und Haaren. Sie trug ihn nach Hause, wenn sie abends aus der Zigarrenfabrik Villiger heimkehrte. Daran erinnert sich der heute 75-jährige Albert Fischer noch gut.

«Ich bin ein Tabakkind», sagt er. Ein Tabakkind wie Heinrich und Kaspar Villiger. Nur rochen deren Eltern, die Zigarrenfabrikanten, nicht nach Tabak. Höchstens nach kaltem Zigarrenrauch.

Das Bauernkind Albert Fischer und die Fabrikantensöhne wuchsen beide im luzernischen Pfeffikon auf. Der künftige Bundesrat zog seinen Spielzeugmörser hinter sich her durchs Dorf. Der Bauernsohn den Zweiradkarren mit den Milchkannen zur Käserei.

Am Tag nachdem Fischer seine Stromerlehre beendet hatte, flüchtete er aus dem Tal. Nach Biel, später nach Paris. Einmal noch ist er zurückgekehrt in seine alte Heimat. Er baute ein Haus, wollte hier seine Kinder grossziehen. Es gelang nicht. Das enge Tal mit seinen konservativen Traditionen führte zu unüberwindbaren Konflikten. Seine Ehe scheiterte später daran. Abermals flüchtete er. Losgelassen hat ihn das Stumpenland trotzdem nicht.

500 Seiten

Darum hat Fischer einen Roman geschrieben über seine Heimat und über die Tabakkinder. 500 Seiten dick ist die Rohfassung. Grund genug, zurückzukehren an den Ort seiner Kindheit. Zurück in die Gegend, die ihn fasziniert und abstösst zugleich. Die Gegend, über die Clara Wirth in ihrer vor 100 Jahren erschienenen Dissertation (siehe Artikel rechts) festhielt:

«Die Mädchen sassen oft schon in ihrer Kindheit stundenlang beim Ausrippen, atmeten die schlechte Tabakluft – manche mussten sich vor allem anfänglich immer wieder erbrechen, klagten über Kopfweh und Schlaflosigkeit.»

Während Fischer sein Auto das Tal hinauf Richtung Gontenschwil lenkt, erzählt er, dass sein Roman zuerst eine Abrechnung mit den damaligen Tabakherren werden sollte. Im ersten Teil des Manuskripts gibt es Hinweise darauf.

«Vor ein Gericht müsste man sie alle schleppen, (...) ihnen vorführen, was sie, wenn nicht selbst getan, so doch gefördert oder unwidersprochen geschehen liessen und sie dafür bestrafen. (...) ich begann mir dieses Gericht vorzustellen, die Toten und auch noch die lebenden einstigen Kinder als Opfer, die Fabrikherren, Behörden und Pfaffen als Täter und die irregeleiteten Väter und Mütter als Mitschuldige.»

Je länger Fischer recherchierte, desto sanfter wurde er – zumindest mit den Tabakfabrikanten. «Sie waren nicht schlechter, aber auch nicht besser als alle anderen zu dieser Zeit.» Und ihr Geld gab den Arbeiterfamilien ein bescheidenes Einkommen. Als Abrechnung mit den Tabakherren will er seinen Roman nicht verstanden wissen. Vielmehr als ein Festhalten einer Zeit, die sonst in Vergessenheit gerät. Auch seine Mutter kam wegen des Gelds ins Tal. Bis sie selber eine Familie gründete, war sie Kindermädchen der Zigarrenfabrikanten Villiger. Sie wiegte den heutigen Konzerninhaber, Heinrich Villiger, in den Schlaf. Um diese Beziehungen und Verwebungen geht es in Fischers Roman, der in der heutigen Zeit vor diesem gesellschaftlichen und industriegeschichtlichen Hintergrund spielt. Auch die Protagonisten erzählen immer wieder von früher.

Zeitzeugen noch überall

Überall im Oberwynental stehen sie, die Zeitzeugen der untergegangenen Tabakindustrie. Vor einer Fabrik im Reinacher Unterdorf stoppt Fischer sein Auto. Die Fenster sind zugenagelt. An die Wand hat jemand «Free Cannabis» gesprayt –der neue Qualm im Stumpenland.

Fischer fährt weiter, manchmal erwischt er die falsche Abbiegung. Fährt über Umwege zum Ziel. «Es sieht ein bisschen anders aus als in meiner Kindheit», sagt er. Mehr zu sich selbst als zur Beifahrerin. In nostalgisches Schwärmen von früher gerät Albert Fischer nie. Auch beim Anblick seines Elternhauses, der mächtigen Kirche Pfeffikons oder der Tabakfabrik Villiger ist, zumindest nach aussen, keine Gefühlsregung sichtbar.

Hinter einem Fenster der Tabakfabrik sitzt eine Frau am Computer und raucht eine Zigarette – ein Bild aus einer anderen Zeit. Aussteigen will Fischer bei der Fabrik Villiger nicht. Auf dem grossen Parkplatz wendet er darum den Wagen, die rauchende Frau schaut ihm dabei zu.

Selber rauchte Fischer über 30 Jahre. «Wie ein Dummer», sagt er. Nach einer Bypass-Operation gab er die Zigaretten auf. Es blieb die Wut, dass eine Industrie mit diesem krankmachenden Kraut Milliarden verdient. «Absurd, so was.»

Fischer verdiente sein Geld als Verantwortlicher für die Unternehmenskommunikation und das Marketing der Firma Sprecher und Schuh. Er arbeite im Hochhaus in Aarau, das nun abgebrochen wird. Fischer kam im Auftrag seiner Firma in der Welt herum. Heute wohnt er in Olten und Paris. Als kleiner Bub, am Waldrand sitzend und übers Tal schauend, hätte er nicht gewagt zu träumen, wo ihn das Leben überall hinführt, sagt er und blickt wie damals auf das Tal hinunter.

Niedergang der Tabakindustrie

Im Restaurant Frohsinn auf der Burg trinkt Fischer einen Kaffee. Dann gehts weiter zur Villa Burger. Die noch heute Burger&Söhne gehört. Hier trafen sich die Tabakherren zu gesellschaftlichen Anlässen. «Mit den Kutschen sind sie vorgefahren», sagt Fischer. Er zeigt auf den Wendeplatz, der um einen schönen Brunner ohne Wasser führt. Das weiss Fischer aber auch nur aus Erzählungen, zu lange ist es her. Die Villa ist leer, eine Glyzinie überzieht die Mauer.

Das Haus zeugt vom Niedergang der Tabakindustrie. «Das täuscht», sagt Fischer. Wie Villiger ist auch Burger Söhne noch heute ein Weltkonzern.

Viele der reichen Tabakherren konnten ihr Geld im letzten Augenblick retten. Ihre zwar veralteten Betriebe aber teilweise noch intakten Marken wurden von den verbleibenden beiden Grossen aufgekauft. Und diese beiden leben noch immer fröhlich weiter und gehören inzwischen zu den grossen der Tabakwelt.

Weiter gehts zum Tränenpalast. Einer ehemaligen Stickerei in Reinach. Sie heisst so, weil die damalige Familie sich mit dem grossen Neubau übernahm und ihr ganzes Vermögen verlor. Später war darin die Zigarrenfabrik Weber Söhne. Alles Geschichte. Und jetzt kommt sie, die Gefühlsregung. «Tränenpalast», sagt Fischer immer wieder, als ob der Klang des Wortes die traurige Geschichte des Gebäudes vor dem Vergessen bewahren könnte.

Dann ist die Reise in die Erinnerung zu Ende. Übers Seetal gehts in Richtung Olten. «Seltsam», meint Fischer, «dass mir diese Seelandschaft eher ein Heimatgefühl gibt als das Stumpenland.»