Menziken
Freiwillige unterrichten Asylsuchende: «Sie wollen Deutsch lernen – ob sie bleiben oder nicht»

Ein rund zehnköpfiges Team hat im Oberwynental Deutschkurse für Asylsuchende lanciert. «Unser Ziel ist, die Bevölkerung und die Asylsuchenden zusammenzubringen und einen Austausch anzuregen.»

Rahel Plüss
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Die Asylsuchenden bekommen im reformierten Kirchgemeindehaus in Menziken Deutschunterricht.

Die Asylsuchenden bekommen im reformierten Kirchgemeindehaus in Menziken Deutschunterricht.

AZ

«Auge. Nase. Mund. Kopf – Kopfweh.» Brigitta Richar fasst sich an die Stirn, das Gesicht schmerzverzerrt.

Ein Lachen geht durch die Reihe. Afeworki Ukbai fasst sich ebenfalls an den Kopf und murmelt: «Kopfweh.»

Es klingt ein bisschen anders, weicher. Dann probierts der Banknachbar: «Kopfweh.» Er setzt einen leidvollen Blick auf. Gelächter.

Alle haben verstanden. Die Lehrerin freuts. «Genau diese Momente sind es, die mich für meine Arbeit entlöhnen», sagt Richar.

Die pensionierte Lehrerin gibt die Deutschkurse für Asylsuchende hier im reformierten Kirchgemeindehaus Menziken nämlich unentgeltlich – genauso wie ihre drei Kolleginnen, mit denen sie das Angebot seit Mitte Juli bestreitet.

Die Asylsuchenden bekommen im reformierten Kirchgemeindehaus in Menziken Deutschunterricht.

Die Asylsuchenden bekommen im reformierten Kirchgemeindehaus in Menziken Deutschunterricht.

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Ins Leben gerufen wurden die Deutschkurse für Asylsuchende auf Initiative des Netzwerks Asyl Aargau. Der Verein, der mittlerweile an zehn Orten im Kanton mit Deutschkursen und Asyltreffs aktiv ist, hatte angefragt, ob nicht eine «Oberwynentaler Niederlassung möglich wäre», wie Max Heimgartner sagt, der die Angebote des Netzwerks Asyl Aargau in Aarau koordiniert.

«Bisher mussten alle Asylsuchenden aus dem Wynen- und dem Seetal mit der Bahn nach Aarau pendeln, wenn sie einen Deutschkurs besuchen wollten», so Heimgartner.

Das sei nicht nur umständlich für die Asylsuchenden, sondern auch kostenintensiv für den Verein, der sich über Mitgliederbeiträge, Spenden und Zuschüsse der Kirchgemeinden finanziere.

Nicht zuletzt aufgrund seiner persönlichen Kontakte und denen aus dem Netzwerk Integration Oberwynental konnte eine Gruppe Freiwilliger gefunden werden, die sich dem Projekt annahm.

Kurse überbrücken Wartezeit

Seit Mitte Juli also können Asylsuchende aus dem oberen Wynental, konkret von Oberkulm an aufwärts und aus Beinwil am See, Deutschstunden in Menziken besuchen.

Die vier Frauen, alles ehemalige Lehrkräfte, teilen sich den Unterricht, der jeweils an vier Wochentagen angeboten wird. Mit diesen Deutschkursen wird die Zeit überbrückt, bis die Asylsuchenden ihren gut dreimonatigen Kurs, der vom Kanton aus angeboten wird und jedem Asylsuchenden zusteht, besuchen können. «Das kann manchmal lange dauern, bis jemand Platz in einem der zwölf Kurse in Aarau findet», sagt Max Heimgartner.

Neben den Deutschkursen bietet die neue Menziker Gruppe des Netzwerks Asyl Aargau auch einen Asyltreff an. Wöchentlich am Dienstagnachmittag, 15 bis 18 Uhr, stehen die Türen des Kirchgemeindehauses für alle offen.

«Unser Ziel ist, die Bevölkerung und die Asylsuchenden zusammenzubringen und einen Austausch anzuregen», sagt Elisabeth Gfeller. Sie koordiniert die neuen Angebote in Menziken. Das gesamte Team besteht derzeit aus zehn Freiwilligen.

Elisabeth Gfeller, Koordination Netzwerk Asyl Aargau «Unser Ziel ist, die Bevölkerung und die Asylsuchenden zusammenzubringen und einen Austausch anzuregen.»

Elisabeth Gfeller, Koordination Netzwerk Asyl Aargau «Unser Ziel ist, die Bevölkerung und die Asylsuchenden zusammenzubringen und einen Austausch anzuregen.»

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Beschäftigung gesucht

Als drittes Standbein will die Gruppe Beschäftigungsmöglichkeiten für die Asylsuchenden organisieren und koordinieren. «Hier haperts noch ein bisschen», sagt Gfeller. Noch hätten sich nicht viele Möglichkeiten ergeben.

«Dabei», so Gfeller, «möchten diese Menschen so gerne etwas tun und nicht nur den ganzen Tag herumsitzen.» Sie appelliert deshalb weiter an die Bevölkerung, sich mit Ideen zu melden.

Zurück in der Deutschstunde: In der Reihe sitzen zehn Männer. Neun haben eine dunkle Haut, einer eine helle. Er kommt aus Afghanistan, die anderen aus Eritrea. Frauen sind heute keine da.

«Die Frauen kommen lieber am Nachmittag», sagt Brigitta Richar und spricht damit eine Herausforderung an, die die Lehrerinnen noch zu meistern haben. «Die Kurse werden sehr unregelmässig besucht.» Es kämen wöchentlich neue Asylsuchende dazu, was ein kontinuierliches Vorankommen verunmögliche. «Hier müssen wir uns noch verbessern.»

Ab Oktober sollen sich die Asylsuchenden deshalb nur noch monatlich, an jedem ersten Dienstag, einschreiben können. Sind die Lernfortschritte auch noch so klein, Brigitta Richar frustriert ihre Arbeit nicht. «Deutsch zu lernen ist für diese Leute wichtig und wertvoll – egal ob sie hier bleiben oder nicht.»

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