Burg

Flüchtlinge arbeiten für die Gesellschaft: Erfolgreiches Jobprojekt wird ausgebaut

Die beiden Eritreer, Mesgena Mehari (20) und Meles Ftsum (25), arbeiten seit drei Monaten halbtageweise beim Bauamt der Gemeinde Burg mit (v.l.).

Die beiden Eritreer, Mesgena Mehari (20) und Meles Ftsum (25), arbeiten seit drei Monaten halbtageweise beim Bauamt der Gemeinde Burg mit (v.l.).

Geld bekommen die Sozialhilfebezüger keins für ihren Einsatz bei der Gemeinde. Vielmehr sammeln sie Erfahrung und geben der Gesellschaft, von der sie Sozialhilfe beziehen, etwas zurück.

Die ausrangierte Hose vom Zivilschutz ist viel zu weit, aber sie tut gute Dienste an diesem kalten Tag. Genauso wie die warme Jacke, mit der Meles Ftsum vor knapp drei Monaten ausstaffiert worden ist. Der 25-jährige Eritreer stört sich nicht an seinem übergrossen Outfit. Im Gegenteil: Er ist stolz darauf – und auf die Maschine, die er heute bedienen darf. Lauben ist angesagt. Aber zuerst muss Benzin nachgefüllt werden. Dominik Hunziker, Bauamtsvorarbeiter der Gemeinde Burg, zeigt, wies geht. Meles Ftsum und sein 20-jähriger Landsmann Mesgena Mehari schauen aufmerksam zu.

«Wir wollen arbeiten. Hier lernen wir für später», sagt Mesgena Mehari. Sein Deutsch ist holprig. «Die Verständigung ist die grösste Herausforderung», so Dominik Hunziker. Ansonsten sei er positiv überrascht, ausnahmslos von allen. Die Jungs seien motiviert und arbeiteten sehr selbstständig. Die Rede ist von den acht Eritreern, die seit knapp drei Monaten beim Burger Beschäftigungsprojekt mitmachen. Sie alle sind abhängig von der Sozialhilfe. Für ihr Engagement fürs Bauamt oder für den Schulhausabwart bekommen sie ein Znüni, aber kein Geld. «Der Einsatz gibt ihnen eine Tagesstruktur und die Gelegenheit, der Gesellschaft, in der sie leben und die für sie aufkommt, etwas zurückzugeben», sagt Gemeinderätin Ursula Friederich, Initiantin und aktuell auch Koordinatorin des Projekts.

Über 50 Sozialhilfebezüger

Angefangen hatte alles vor einem Jahr. Die frisch gewählte Burger Gemeinderätin Ursula Friederich hatte gerade erst die Ressorts Gesundheit und Soziale Sicherheit übernommen, als das Dorf sich auf einmal mit einer grossen Anzahl Personen aus dem Asylbereich konfrontiert sah – über 30 Menschen, vorwiegend aus Eritrea, fanden in der 1000-Seelen-Gemeinde ein günstiges Zimmer und damit eine vorläufige Bleibe. Sie alle haben einen vorläufigen Aufenthaltsstatus oder sind anerkannte Flüchtlinge. Und die meisten von ihnen haben keine Arbeit, sind von der Sozialhilfe abhängig.

Über 50 Personen beziehen in Burg gegenwärtig Sozialhilfe. Eine grosse Herausforderung für ein kleines Dorf. Ein Grossteil von ihnen lebt in zwei privaten Altliegenschaften, in denen günstig Zimmer vermietet werden. Die Gemeinde hat darauf keinen Einfluss. Darum will sie um so mehr Einfluss auf die Integration und das Zusammenleben nehmen. Das sagte neulich auch Gemeindeschreiber Viktor Würgler im Zusammenhang mit der geplanten Aufwertung des Dorfkerns und der Schaffung attraktiven Wohnraums für steuerkräftige Neuzuzüger: «Der hohe Ausländeranteil und die geringe Beschäftigungszahl in unserer Gemeinde schmälert die Attraktivität für manche Neuzuzüger, insbesondere für Familien mit Kindern. Aber wir sind bemüht, eine gute Bevölkerungsstruktur zu schaffen, nicht zuletzt durch Integrationsprojekte.» Ursula Friederich ergänzt: «Uns liegt eine gute Lebensqualität für alle am Herzen.» Deshalb habe man nicht einfach zuschauen, sondern etwas tun wollen.

Ideen waren gefragt. Im Austausch mit den Verantwortlichen der Organisationen «Netzwerk Integration Oberwynental», dem Netzwerk Asyl Aargau und «Impuls – Zusammenleben aagauSüd» ist schliesslich «jobwärts» geboren, ein niederschwelliges Beschäftigungsprojekt, das in Burg im September mit acht Personen zu einem dreimonatigen Testlauf startete.

Vision für das ganze Tal

Diese «Mini-Pilotphase», wie Ursula Friederich sagt, ist bald zu Ende, nicht aber das Projekt. «Wir wollen das Angebot weiterführen und mit der Zeit auf weitere Gruppen ausweiten.» Vorerst würden das wohl weitere Personen aus dem Asylbereich sein, denn sie machten die grösste Gruppe der Sozialhilfeempfänger aus. Nach und nach sollten aber auch «andere Menschen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen», einbezogen werden. «Es gibt natürlich Personen, die nicht mitmachen können, weil sie körperlich dazu gar nicht in der Lage sind.»

Doch wer das kann, soll künftig einer Beschäftigungsmöglichkeit nachgehen können. Nicht nur in Burg, sondern auch in anderen Wynentaler Gemeinden. Die Vision für ein gemeinsames Projekt steht. In Zusammenarbeit mit «Impuls – Zusammenleben aagauSüd» hat man beim Swisslos-Fonds eine Eingabe für die Finanzierung einer Projektleiterstelle gemacht. Denn wenn das Projekt wächst und auf andere Gemeinden ausgeweitet wird, kann Ursula Friederich die Koordination nicht mehr alleine stemmen. Deshalb der Antrag. Eine Antwort steht noch aus.

Autor

Rahel Pluess

Rahel Pluess

Meistgesehen

Artboard 1