Steuern

Finanzverwalter: «Reinach hat ein Einnahmenproblem»

Martin Ackermann ist langjähriger Kassenwart in Reinach. Peter Siegrist

Reinach

Martin Ackermann ist langjähriger Kassenwart in Reinach. Peter Siegrist

Finanzverwalter Martin Ackermann hat die Steuersituation seiner Gemeinde untersucht und erklärt im Gespräch mit der az, wo deren Schwächen und Stärken liegen.

An der Rechnungs-Gmeind vom 8. Juni werden die Reinacher Stimmbürger mit einem Defizit von 2,3 Mio. Franken konfrontiert. Zu viel ausgegeben oder schlecht budgetiert? «Beides stimmt so nicht», sagt der Reinacher Finanzverwalter Martin Ackermann, «wir geben nicht zu viel aus, sondern wir nehmen zu wenig ein.»

Reinach, eine Gemeinde mit 8000 Einwohnern hat im Oberwynental die Funktion eines Zentrums. Eine gut ausgebaute Infrastruktur und eine attraktives Wohn- Freizeit- und Sportangebot stehen zur Verfügung. Der Steuerfuss mit 116 Prozent ist im kantonalen Vergleich jedoch hoch. Ackermann hat die Steuersituation der Gemeinde untersucht und im Rahmen einer Weiterbildung in einer Facharbeit festgehalten.

Das Steuermanko von 2010

Im Jahr 2010 hat in ein Reinach ein empfindlicher Rückgang bei Steuern der natürlichen Personen dazugeführt, dass «die vorsichtig budgetierte Rechnung 2010 aus dem Lot geriet», sagt Ackermann.

Bei einigen grossen Steuerzahlern sei der Rückgang der Abgaben darin begründet, dass diese aus Einzelunternehmen Aktiengesellschaften gegründet hätten. «Firmen- und Privatkapital sind getrennt, die Inhaber werden Lohnempfänger und können ihre Steuern optimieren», sagt Ackermann. Weiter haben im vergangenen Jahr viele Liegenschaftsbesitzer ihre Eigenheime saniert. Investitionen für Energie, Heizung, Wärmedämmung, häufig durch Staatsbeiträge unterstützt, können jeweils abgezogen werden. «Liegenschaftsunterhalt liegt gegenwärtig im Trend».

Seit 2010 können Dividenden und Beteiligungserträge günstiger versteuert werden, was wieder zu tieferen Steuereingängen führt. Rund 900 Personen fielen in Reinach in die Kategorie der Kleinverdiener mit besonderem Abzug. Dieser greift ab einem steuerbaren Einkommen von 35000 bis 12 000 Franken. Wer unter 12000 Franken fällt, zahlt gar nichts mehr. «Die Wirtschaftskrise hat sich nur zum Teil bemerkbar gemacht», sagt Ackermann, «wir haben in Reinach zu viele Aufgaben und zu wenig ‹gute› Steuerzahler.

Gemeinde Reinach im Vergleich

Ackermann hat die Einkünfte, das Reinvermögen und die Steuererträge pro Kopf von Aargauer Gemeinden mit ähnlicher Grösse verglichen. Als Beispiel die Werte von Reinach, Lenzburg und Obersiggenthal. Die drei Gemeinden haben je rund 8000 Einwohner. Während in Reinach die Einkünfte pro Steuerpflichtiger im Jahresschnitt bei 65500 Franken liegen, sind es in Lenzburg 77700 und in Obersiggenthal 85500 Franken. Ein ähnliches Bild zeigt sich beim Reinvermögen: In Reinach beträgt es pro steuerpflichtige Person 212000, in Lenzburg 344000 und in Obersiggenthal 374000 Franken.

Bei den Steuererträgen pro Kopf sind die Unterschiede frappant. Im Jahr 2009 lag der Pro Kopfertrag in Reinach bei 1839 Franken, in Lenzburg bei 3323 und in Obersiggenthal bei 2871 Franken. Der kantonale Durchschnitt beträgt 2700 Franken. Im letzten Jahr ist in Reinach der Steuerertrag gar auf 1454 Franken gesunken.

Einfluss der Bevölkerungsstruktur

Ein wichtiger Faktor für die Steuereinnahmen einer Gemeinde ist die Struktur der Bevölkerung, da zeigen sich im Kanton grosse Unterschiede.
Von den 8000 Einwohnern Reinachs sind 2900 oder 36 Prozent Ausländer. Damit liegt Reinach markant über dem kantonalen Schnitt von 22 Prozent (Schnitt Bezirk Kulm: 22,7 Prozent). Ackermann hält fest, dass Gemeinden mit hohem Ausländeranteil nicht zwingend über tiefe pro Kopf Steuererträge verfügen. «Massgebend sind die Bildung, Ausbildung und berufliche Qualifikation.» So weist die bereits oben erwähnte Gemeinde Obersiggenthal 32 Prozent Ausländer aus und einen Steuerertag von 3620 Franken, während dieser in Reinach unter 1500 Franken liegt.

Düstere Prognosen für Reinach

Ackermann zeigt auf, dass die Gemeinde die Situation kaum beeinflussen kann. «80 Prozent der Ausgaben Reinach, sind gebundene Ausgaben, da gibt der Kanton den Ton an», sagt Ackermann. Reinach werde nächstes Jahr wieder mit einem grösseren Beitrag aus dem Finanzausgleich rechnen können, «was eigentlich nicht unser Ziel ist.»

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