Unterkulm
Fertig Fallschirmspringen: Wynentaler Topathlet sucht neue Herausforderung

Pascal Müller, vierfacher Schweizer Meister im Fallschirmspringen, hört mit dem wettkampfmässigen Formationsspringen auf. Er tauscht Fallschirm gegen Rennrad, Badehose und Laufschuhe. Bereits hat er die Qualifikation für die Half-Ironman-Weltmeisterschaft im Sack.

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Teamwork bei 200 km/h: Pascal Müller und seine Kollegen beim Trainingssprung über dem Militärflugplatz Locarno.

Teamwork bei 200 km/h: Pascal Müller und seine Kollegen beim Trainingssprung über dem Militärflugplatz Locarno.

wpo/zvg

Frühling ists. Vor einem Jahr noch begannen im März die ersten Trainings in der Luft. Juckt es ihn nicht? Nein, Pascal Müller (33) bereut seinen Entschluss nicht, mit dem wettkampfmässigen Fallschirmspringen aufgehört zu haben. Im Oktober 2016 hat er ihn gefällt. Nach knapp zehn Jahren sei es nun an der Zeit, andere Herausforderungen zu verfolgen. Zum Vergnügen springen, das schon, zum Beispiel in Triengen im Surental, dem «Heimplatz», wie er sagt.

Seit 2007 gehörte Pascal Müller der Schweizer Nationalmannschaft im Formationsspringen an. Die Silbermedaille an der militärischen Weltmeisterschaft 2009 in Lucenec, Slowakei, bezeichnet er als seinen grössten Erfolg. «Das war für uns, als beinahe einzige Miliz-Athleten unter lauter Profis, wie eine Goldmedaille», sagt er.

2016 hat er sich mit seinem letzten, dem vierten, Schweizer- Meister-Titel verabschiedet. Die Wandertrophäe steht in der Wohnung; er muss noch das Schild mit den Siegernamen 2016 gravieren lassen: Steff Lehner, Pascal Müller, Daniel Fergg, Aaron Marbach, Toby Zumsteg (der Videomann).

Fliegender Ingenieur

«Ich suche Herausforderungen», sagt der Software-Ingenieur, als Bereichsleiter Software Engineering und Mitglied der Geschäftsleitung bei der AS infotrack AG in Unterkulm tätig. Eine der Herausforderungen war auch, im Militär nicht den einfachsten Weg zu wählen. Fallschirmaufklärer wird nicht jeder. «Während der Vorselektion bin ich mit dem Fallschirmsport in Kontakt gekommen», sagt Pascal Müller.

Angst hatte er nicht, aber einen gesunden Respekt. Das Hauptrisiko liege in der Natur, beim Wind, am wenigsten beim Material. «Um herauszufinden, ob dir etwas wirklich gefällt, musst du es selber erleben und spüren», sagt er. Ihm hats «mega» gefallen, und es hat ihn nicht mehr losgelassen. In kurzer Zeit hat er sich innerhalb der Nationalmannschaft aus dem C- ins A-Kader hinauf gearbeitet.

Den Reiz des Formationsspringens sieht er in den technischen und physischen Herausforderungen. «Wir müssen als Team funktionieren, ohne miteinander sprechen zu können», sagt er. Man stelle sich vor: Da springen vier Männer auf 3200 Metern Höhe aus einem Flugzeug, meist einem Pilatus Porter PC-6, und vollführen im freien Fall, bei einer Geschwindigkeit von 200 Kilometern pro Stunde, ihre Figuren. Bis sie 1000 Meter über Boden den Schirm ziehen.

Trainiert wird im Windkanal

Mit Schönheit habe das Formationsspringen nichts zu tun, sagt Müller. Es gibt auch keine freien Formationen, keine eigenen Freifall-Choreografien. Die korrekte regelkonforme Ausführung der vorgegebenen Figuren wird mit Punkten belohnt. Dafür ist die Bewertung objektiver, denn der fünfte Mann springt mit einer Video-Kamera mit und filmt die 4er-Formation im freien Fall. Diese Aufnahme ist Grundlage der Bewertung. «Vor dem Wettkampf werden pro Sprung 5 oder 6 Formationen ausgelost, die es so oft wie möglich auszuführen gilt», sagt Pascal Müller. Konkret: In 35 Sekunden waren dies zu Spitzenzeiten 30 Formationen. Da müssen die Bewegungen automatisiert sein.

Wie übt man das? Bis vor drei Jahren sind die Schweizer Springer ins nahe Ausland gefahren; seither gibt es auch in Sion einen geeigneten Windkanal. «Da kann man schneller auf Fehler reagieren und pro Tag umgerechnet bis zu 100 Sprünge machen», sagt Pascal Müller. Draussen sind 10 bis 15 pro Tag möglich. Das sei sehr anstrengend: «Man muss körperlich fit sein.» Fitness braucht es, um den Körper im freien Fall zu steuern.

Neue sportliche Herausforderung

Der agile, ehrgeizige Mann könnte, was die Fähigkeiten und das Alter angeht, durchaus weiter machen. Doch der Sport ist zeitaufwendig. Dass er träge wird, ist nicht anzunehmen. Bewegung gehört zu seinem Leben, auch «als Ausgleich zu meiner Arbeit im Büro».
Auf die Herausforderung des Fliegens folgt die Herausforderung des Schwimmens (1,9 Kilometer), Radfahrens (90 Kilometer) und Rennens (21 Kilometer). In der Wohnung steht ein Triathlon-Zeitfahrrad. Zusammen mit Freundin Ramona Gysi trainiert er für Halb-Ironman-Wettkämpfe. «Nicht nur zum Plausch, durchaus auch ein wenig ambitioniert», sagt er und lacht. In seiner Altersklasse (nicht Elite-Kategorie) hat er sich jedenfalls für die Weltmeisterschaft 2017 in Tennessee qualifiziert.