Es zirpt und quietscht leise. Manchmal werden die einzelnen Rufe der Fledermäuse lauter, dann verstummen sie wieder. Rund 18 Grosse Mausohren haben sich im Dachstock des alten Schulhauses in Muhen in einer Wochenstube organisiert, dort ziehen die Fledermäuse ihre Jungtiere auf.

Im Estrich fühlen sie sich offenbar wohl. Noch mehr Grosse Mausohren wohnten um das Jahr 2000 im Müheler Dachstock, damals wurden nämlich rund 80 Fledermäuse gezählt. An den warmen Tagen hingen sie jeweils im Firstbereich, an den kalten Tagen beim warmen Kamin. Diese Heizung ist jedoch schon lange nicht mehr in Gebrauch.

Jetzt muss das Dach des alten Schulhauses saniert werden. Die Gemeindeversammlung hat dafür einem Kredit zugestimmt. Die Holzbalken am Boden sind teilweise morsch und mussten bereits mit Brettern verstärkt werden. An einigen Orten stehen Kübel, die bei Regen das Wasser auffangen, welches durch das undichte Dach tropft.

Schon vor Langem ist der Dachstock vom Kanton zum Fledermausquartier erklärt worden. Und in der Müheler Bauordnung steht: «Bei Renovationsarbeiten ist darauf Rücksicht zu nehmen. Insbesondere darf der Dachstock nicht isoliert werden und es sind die Dachöffnungen in der Art und Anzahl unverändert zu belassen.»

Fledermäuse kamen nicht mehr

In den Achtzigerjahren wurde der Dachstock des 1898 erbauten Schulhauses, das unter kommunalem Denkmalschutz steht, zum ersten Mal saniert, fledermausgerecht. Der Aufwand hatte sich gelohnt, denn die Kolonie ist immer mehr gewachsen. «Solche Brutplätze für Grosse Mausohren sind rar», sagt Hans-Ulrich Baumann. Er ist vom Müheler Natur- und Vogelschutzverein und kümmert sich um die Fledermauskolonie.

Doch vor rund zehn Jahren kamen im Frühling plötzlich keine Fledermäuse mehr. «Es gibt keine Erklärung, warum sie nicht mehr kamen», sagt er. Man habe zuerst gedacht, dass ein Marder im Estrich die Fledermäuse vertrieben habe. Dem war aber nicht so. Man kontrollierte danach, ob ein Sturm die Firstziegel hat verrutschen lassen, sodass sich im Dachstock das Klima veränderte. Der Spezialist konnte dies jedoch nicht bestätigen. Keine Erklärung, keine Grossen Mausohren.

Irgendwie fanden dann nach einigen Jahren die ersten Grossen Mausohren den Weg wieder in den Dachstock, an den Ort, wo sie immer ihre Jungtiere aufgezogen haben.
Hans-Ulrich Baumann hat den ehemaligen Schulhausabwart Edgar Lüscher vor einigen Jahren als «Fledermaus-Beauftragter» abgelöst. 

Regelmässig steigt er in den Dachstock, versucht die Fledermäuse zu zählen, misst die Temperatur im Dachstock und wischt den Kot weg. Anhand des Kots am Boden kann er übrigens sehen, wo die Säuger im Gebälk hängen. «Wenn es ihnen zu warm ist, verstecken sich die Tiere in den kühleren Spalten zwischen Mauer und Dachgebälk», sagt Baumann.

Auflagen für Dachsanierung

Jetzt steht also die zweite Dachsanierung an. Sie wird auch vom kantonalen Fledermausschutz-Beauftragten Andres Beck begleitet. «Es ist geplant, das Dach dann zu sanieren, wenn die Fledermäuse nicht mehr da sind», sagt er.

Das Natur- und Heimatschutzgesetz schreibt vor, dass bei einer Sanierung erstens das Fledermaus-Quartier erhalten bleibt und zweitens keine Tiere zugrunde gehen. «Für den Schulhaus-Dachstock heisst dies einerseits, dass es sicher nicht kühler werden darf und dass die Öffnungen, wo die Fledermäuse rein und raus fliegen, offenbleiben müssen», so Andres Beck.

Im Aargau gibt es nur noch 12 Mausohrkolonien. Die Mausohr-Fledermäuse haben ihre Wochenstuben oft in den Dachstöcken alter Häuser. «Weil viele davon abgebrochen wurden, sind auch die Kolonien zurückgegangen», sagt Beck.

Auch Umweltgifte haben dazu beigetragen. So ist beispielsweise vorgeschrieben, welche Holzschutzmittel eingesetzt werden dürfen und welche nicht. Sollte in Muhen ein Unterdach geplant sein, müsste es dort, wo die Fledermäuse hängen, unterbrochen werden.

Die Dachsanierung wird Anfang September beginnen, wie Stefan Ochsner vom Architekturbüro Bähni + Lüscher, welches mit den Arbeiten beauftragt wurde, sagt. «Bis Ende August besteht eine Schutzzeit für die Fledermäuse, da dürfen wir nichts machen.»

Das Dach wird neue Ziegel bekommen und wenn nötig werden morsche Balken ausgewechselt. Zudem werden Kupfer- und Spenglerarbeiten ausgeführt. Laut Ochsner wird das Dach zusätzlich mit einem Unterdach ergänzt. «Punktuell gibt es aber kein Unterdach, damit die Öffnungen für die Fledermäuse erhalten bleiben», sagt er. «Wir machen das Bestmögliche, damit die Fledermäuse bleiben und im nächsten Jahr wieder kommen.»

Noch ziehen die Grossen Mausohren ihre Jungtiere im Dachstock auf. Mit der Dämmerung verschwinden sie in die Dunkelheit. Sie gehen auf Insektenjagd und legen dabei viele Kilometer zurück.

Sobald sie ihre Jungtiere aufgezogen haben und die kältere Jahreszeit anbricht, verlassen sie den Dachstock. Sie verstecken sich beispielsweise in Höhlen und fallen in einen tiefen Winterschlaf. Dann wird ihre Sommerresidenz in Muhen saniert.