Wittwil

Es hat sich endgültig ausgekäst

Vor über einem Jahrhundert gebaut: Das alte Käsereigebäude an der Dorfstrasse in Wittwil soll abgerissen werden. Das Gesuch wird derzeit geprüft.MEB

Vor über einem Jahrhundert gebaut: Das alte Käsereigebäude an der Dorfstrasse in Wittwil soll abgerissen werden. Das Gesuch wird derzeit geprüft.MEB

Vor über hundert Jahren wurde die Chäsi von Wittwil gebaut. Nun soll sie einem Mehrfamilienhaus weichen. In der Zwischenzeit passierte so einiges.

Noch steht es, das alte Käsereigebäude an der Dorfstrasse 39. Doch das Haus, dem die Chäsi weichen soll, ist bereits ausgesteckt. Nach 115 Jahren soll die Chäsi abgerissen werden. Derzeit wird das Abbruch- und Baugesuch vom Gemeinderat geprüft. Grund genug, die Geschichte der Chäsi noch einmal Revue passieren zu lassen:

1899 schlossen sich über 20 Staffelbacher zur Käsereigenossenschaft zusammen und entschieden, eine Käserei zu bauen. Nur ein Jahr später wurde der erste Käser angestellt. Von da an lieferten die Bauern ihre Milch zweimal täglich an die Dorfstrasse 39. Wie vom Bund vorgeschrieben, wurde sie dort ausschliesslich zu Emmentaler Käse verarbeitet – in Handarbeit, versteht sich. Die frisch gelieferte Milch wurde vom Käser über dem Holzfeuer im «Kupferkessi» erwärmt, das Lab beigemischt und die geronnene Milch mit einer sogenannten Käseharfe in gleichmässige Teile zerschnitten.

Die Käserei um 1940: Damals wurden hier ausser im Winter jeden Tag ein Laib Käse in Handarbeit hergestellt.

Die Käserei um 1940: Damals wurden hier ausser im Winter jeden Tag ein Laib Käse in Handarbeit hergestellt.

Meistens hatte der Käser noch einen Gesellen oder einen Lehrling. Und das war auch nötig: Nach dem Zerschneiden kam der Kraftakt: Zu zweit wurde die Masse in ein Tuch gefüllt und mit einem Handaufzug aus dem «Kessi» auf den Tisch gehoben, wo sie in die Käseformen gepresst wurde. Dann ging es ab in den Keller für ein Salzbad. Unter strengsten hygienischen Bedingungen reifte der Käse mehrere Monate. Ausser im Winter wurde so siebzig Jahre lang jeden Tag ein Laib Käse hergestellt.

1970 wurde Hugo Zimmermann, der letzte Käser, zu alt für die Arbeit und kündigte seine Stelle. Die Käserei wurde zur Milchannahmestelle. Das kam der Aargauischen Zentralmolkerei Suhr gerade recht: Sie war auf der Suche nach Lieferanten und wurde zur Abnehmerin der Wittwiler Milch. In dieser Zeit wohnten verschiedene Familien in der Käserei und nahmen die gelieferte Milch an. Als Lohn stand ihnen die Wohnung über der Chäsi gratis zur Verfügung.

Doch irgendwann wurden die Unterhaltskosten der Annahmestelle zu gross. Im Jahr 2000 wurde dann auf Hofabfuhr umgestellt. Seither klappert die Mittelland Molkerei Emmi alle zwei Tage die vier übrig gebliebenen Höfe der Milchbauern in Wittwil direkt ab. Die alte Käserei hat ihren Dienst auch als Milchannahmestelle getan.

Seitdem wurde das Gebäude vermietet. Platz fanden Priska und Jean-Pierre Aeschbach. Sie eröffneten vor zehn Jahren die Besenbeiz «Schlemmeria». Dieses Jahr hat die Milchgenossenschaft das Gebäude nun an die Wehle Architektur und Immobilien AG aus Unterentfelden verkauft. Daniel Leu, Präsident der Milchgenossenschaft: «Es ist der Lauf der Zeit. Es bleibt nichts ewig.» Es seien alle Genossenschafter für den Verkauf gewesen. Keine Freude an diesem Entscheid haben die Aeschbachs. Sie müssen die Chäsi Ende Juli 2016 verlassen und suchen deshalb nach einer neuen Lokalität. Aufhören wollen sie auf keinen Fall.

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