Spital Menziken

«Es hat an vielen Stellen geklemmt»: Hebamme redet Klartext nach Aus für Geburten-Abteilung

Über dreissig Jahre lang war die Burgerin Hedy Siegrist für das Spital Menziken als Hebamme tätig: «Ich habe für das alles gelebt.»

Über dreissig Jahre lang war die Burgerin Hedy Siegrist für das Spital Menziken als Hebamme tätig: «Ich habe für das alles gelebt.»

Wo hat es gehapert? Die amtsälteste Menziker Hebamme Hedy Siegrist spricht über die Schliessung der Geburtenabteilung und erklärt, warum sie die Schuld nicht nur bei der Spitalleitung sieht.

Vor zwölf Tagen war er da. Der Tag, an dem Hedy Siegrist und ihre sechs Kolleginnen von Spitaldirektor Daniel Schibler gesagt bekamen, dass die Menziker Geburtenabteilung geschlossen werde. Nicht in ein paar Monaten. Sondern Knall auf Fall. Es war der Tag, von dem Hedy Siegrist wusste, dass er irgendwann kommen würde. Und von dem sie doch immer gehofft hatte, dass sie ihn nie erleben müsse.

Hedy Siegrist (66) ist die amtsälteste Menziker Hebamme. 1974 kam sie vom Kantonsspital Luzern her und ist – mit einer Pause von 1977 bis 1987 – geblieben, selbst über die Pensionierung hinaus. «Ich bin mit Herzblut Hebamme», sagt sie. Nie habe sie ihre Berufswahl bereut. «Es ist immer wieder ein Wunder, wie diese Kindlein kommen», sagt sie. Und all die Jahre habe sie gern in Menziken gearbeitet: «Wir hatten freie Hand, die Ärzte haben uns machen lassen.»

Auch sei für das ganze Hebammen-Team selbstverständlich gewesen, bei Schichtende nicht einfach davonzulaufen. «Wir haben die Frauen begleitet, das ist unsere Aufgabe. Und wir haben sie verwöhnt, haben uns Zeit für sie genommen.» Es habe so eine Atmosphäre wie in einem Geburtshaus geherrscht, aber mit der Sicherheit eines Spitals im Rücken. «Eine Atmosphäre, die die Frauen sehr geschätzt haben.»

Bei Baustopp gestutzt

Dass es zur Schliessung kommen könnte; solche Gerüchte sind nicht neu. Schon in den Neunzigerjahren habe man das gemunkelt, und immer wieder habe sie in Fachkreisen erstaunte Reaktionen geerntet, wenn sie erzählt habe, dass ihre Abteilung mit rund 200 Geburten im Jahr noch existiere. «Auch wir können rechnen, auch wir haben gesehen, dass es zu wenig Geburten sind», sagt sie.

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Zum emotionalen und tränenreichen Abschied kamen 80 Personen. 

Dass es aber diesmal gelte, hat sie doch auf dem falschen Fuss erwischt. Im Januar habe sie erstmals aufgehorcht, als eigentlich bewilligte, kleine bauliche Veränderungen der Abteilung gestoppt wurden. Als dann aber vor ein paar Wochen eine schwangere Frau anrief und sich bei ihr erkundigte, ob sie trotz Schliessung der Geburtenabteilung weiterhin Wochenbettbetreuung durchführe, da sei sie aus allen Wolken gefallen.

«Die Frau fragte mich noch, ob ich nicht mehr über das Warum der Schliessung wisse», sagt Hedy Siegrist. «Und ich musste ihr sagen, dass ich noch nicht einmal von der Schliessung weiss.» Hegt sie einen Groll gegen die Spitalleitung? Nein, sagt Hedy Siegrist. «Aber ich bin schwer enttäuscht. Nicht in erster Linie über die Schliessung an sich, sondern über das Wie und Wann.»

Letztes Jahr kamen in Menziken 168 Kinder zur Welt. Das entspricht rund einem Drittel aller Geburten in der Region. Damit sich die Abteilung betriebswirtschaftlich rechnen würde, hätte es 600 Geburten gebraucht. Eine utopische Zahl, das weiss auch Hedy Siegrist. «Für unsere Gegend wären 400 Geburten realistisch», schätzt sie.

Doch wo hat es gehapert? Warum zogen zwei Drittel der schwangeren Frauen Kliniken in Aarau oder Sursee vor? «Es hat an vielen Stellen geklemmt», sagt Hedy Siegrist. Sie und ihre Kolleginnen hätten sich schon früher stiefmütterlich behandelt gefühlt, es habe nicht nur am Willen gefehlt, viel Geld in eine Wohlfühlatmosphäre zu stecken, sondern auch in die Bewerbung der Geburtenabteilung.

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Die Geburtenabteilung im Menziker Spital geht zu. Grund dafür ist, dass kein Personal gefunden wird. Auch die Geburtenrate ging Jahr für Jahr zurück. Das sagt Spital-Direktor Daniel Schibler zum Entscheid.

Hedy Siegrist schiebt den Schwarzen Peter nicht nur der Spitalleitung, sondern ein Stück weit auch den Frauen zu: «Es ist wie beim Lädelisterben; selbst kauft man online ein, aber sobald der Laden im Dorf schliesst, klagt man.» So sei es doch jetzt auch mit der Geburtenabteilung, sagt sie. Enttäuscht sei sie auch von den Politikern: «Ich hätte mir gewünscht, dass sich die lokale Politik stärker für uns einsetzt.»

Hedy Siegrist und ihre Kolleginnen (alle fest angestellt mit Pensen zwischen 50 und 100 Prozent) haben die Kündigung erhalten. Geschlossen ist die Abteilung aber nicht, noch arbeiten alle im Mai so, wie es der Arbeitsplan vorgesehen hat. «Wer im Mai Termin hat und bei uns angemeldet ist, darf noch bei uns gebären.»

Was danach kommt; Hedy Siegrist zuckt mit den Schultern. Weiterhin werde sie ambulante Wochenbettbetreuung anbieten, ebenso wie Schwangerschaftsgymnastik. Aber ob sie und ihr altes Team nun ein Hebammenhaus einrichten, darüber hat sie sich noch nicht viele Gedanken gemacht. Noch ist alles zu frisch.

«Ich habe für das alles gelebt. Das jetzt sein lassen zu müssen, fällt mir sehr schwer.» Jetzt zehre sie von dem überwältigenden Gefühl der Solidarität, das ihr und dem Team unter anderem rund 80 Eltern und Kinder am letzten Montag entgegengebracht haben.

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