Reinach

«Es braucht halt einfach etwas Zivilcourage»

Polizei und Beratungsstelle für Betroffene von Häuslicher Gewalt arbeiten Hand in Hand gegen häusliche Gewalt. An einer Veranstaltung der Reinacher Präventionskommission erklärten sie ihre Arbeit.

«Was kann ich tun, wenn ich etwas beobachte, das auf häusliche Gewalt hindeutet», wollte am Präventionsanlass zum Thema eine Frau wissen. Die Angst hinter der Frage: Erfährt mein schlagender Nachbar, dass ich ihn quasi verpetzt habe? Dieter Holliger, Chef der Repol AargauSüd, konnte sie beruhigen: Der Name darf nicht verwendet werden. „Es braucht einfach etwas Zivilcourage“, meint Judith Hochstrasser von der Beratungsstelle für Betroffene von Häuslicher Gewalt in Aarau (www.bhg-aargau.ch).

Anrufen kann man ihr, aber auch der Polizei. Und die Polizei muss aktiv werden, seit häusliche Gewalt (auch einfache Körperverletzung, wiederholte Tätlichkeiten und Drohungen gehören dazu) Offizialdelikte sind.

Kein Randgruppenproblem

Die Veranstaltung der Reinacher Präventionskommission lockte bloss ein knappes Dutzend Personen ins Schulhaus Breite. Sowohl Holliger als auch Hochstrasser gaben einen Einblick in ihre Arbeit. Dass die Fälle rückläufig seien, wie Dieter Holliger für Aargau Süd belegen konnte, davon merkt die Beraterin nichts. «80 Prozent der Klientinnen sind Schweizerinnen», widerlegte sie das Klischee der misshandelten Frauen aus bildungsfernen Familien mit Migrationshintergrund. In sieben Prozent der Fälle sind Männer die Opfer.

Ihre Beispiele schockierten: Da ist die Lehrerin, die wegen des religiösen Wahns ihres Mannes zusammen mit dem Sohn gezwungen wurde, auf Holzscheiter zu knien. Bizarre Geschichten. Gewalt hat viele Gesichter, und nicht alles ist leicht sicht-- und hörbar.

Da ist der Mann, der seine Frau mit Schlafentzug foltert. Nackt muss sie auf einem Stuhl sitzen, derweil er schläft, und ertappt er sie beim Einnicken, schlägt und vergewaltigt er sie. Schlafentzug als Machtmittel komme in 30 Prozent aller Fälle vor. Oder die Topmanagerin mit Villa, die von ihrem arbeitslosen Gatten geschlagen wird, weil sie ohne seine Erlaubnis ein Paar Socken gekauft hat.

Offizialdelikt seit 2003

Dieter Holliger zeigte die Problematik auf, wenn Opfer (meistens sind es Frauen) ihre Peiniger schonen. Nichts mehr wissen wollen von den Misshandlungen, vorgeben, gestürzt zu sein. «Früher hätte man sie nach Hause gebracht, und es wäre nichts passiert», umreisst er den Vorteil der Gesetzgebung seit 2003, die häusliche Gewalt zum Offizialdelikt gemacht hat.

Die Polizei hat auch das Recht, Wegweisungen von bis zu 20 Tagen auszusprechen. Die Gründe für häusliche Gewalt seien vor allem Suchtverhalten (ein Alkoholtest wird bei jeder Intervention durchgeführt), Fremdbeziehungen, Eifersucht, finanzielle Probleme, die Familienhierarchie, aber auch banale Geschichten wie Streit ums TV-Programm.

Opfer macht sich verantwortlich

«Gewalt fängt an, wenn einer sagt: Ich liebe dich, du gehörst mir», sagt Judith Hochstrasser. Es muss ein Machtgefälle bestehen, wie ihre Beispiele zeigen. Sie erläuterte die Phasen der Gewaltdynamik. Am Anfang versucht das Opfer nach kleinen Übergriffen alles recht zu machen, um die Spannung nicht zu erhöhen. Daraufhin folgt der Gewaltausbruch mit körperlicher und/oder sexueller Gewalt. Ein Zeitpunkt, wo eine Intervention gute Chancen habe.

In der dritten Phase, der Honeymoon-Phase, gibt das Opfer dem Täter eine letzte Chance, da dieser sich reumütig zeigt, Versprechen macht. Hier sei eine Intervention chancenlos. In der letzten, der schlimmsten Phase, schiebt der Täter die Verantwortung auf das Opfer, und das Opfer sucht die Gründe für die Übergriffe bei sich selber.

Kostenlose Beratung

„Kinder sind immer mitbetroffen“, sagt Hochstrasser, zumal Gewalt häufig während der Schwangerschaft zuerst auftrete. KInder leiden unter Angst, Scham, Schuldgefühlen und Loyalitätskonflikten mit Folgen wie Verhaltensauffälligkeit, Depression und Schulschwierigkeiten. Die Beratungsstelle macht Kriseninterventionen, zeigt die rechtlichen Möglichkeiten auf, vermittelt, falls es nicht zu einer Trennung kommt, auch Deeskalationsstrategien.

Die Beraterin arbeitet manchmal auch mit beiden Partnern zusammen. Die Beratung ist kostenlos; die gegenseitige Zusammenarbeit von Polizei und Beratungsstelle sorge für ein tragfähiges Netz. Und sowohl Holliger wie Hochstrasser bestätigen: Oft seien die Opfer froh, endlich jemanden zu haben, der sie ernst nimmt. Und vielleicht brauchts dazu den Anruf einer aussenstehenden Person: Nachbar, Verwandte, Bekannte.

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