Nadine Hassler Bütschi spricht Schweizerdeutsch mit Basler Akzent, ihr Vater ist Stadtaarauer. Doch den Abfall nennt sie «basura». Es ist das spanische Wort für Hausmüll. Spanisch ist die erste Sprache, welche Nadine Hassler beherrschte. Sie wurde in Peru geboren und verbrachte einen Teil ihrer Kindheit in Mexiko. Ihr Vater war Farbstoffchemiker und viel in der Welt unterwegs, die Familie zog mit. Sie machte dann einen kurzen Abstecher ins Toggenburg und nach Lugano. Sie lernte Italienisch. Später zog die Familie in den Kongo, wo Französisch gesprochen wurde. Und Englisch konnte sie sowieso. Mit 12 Jahren siedelte sich die Familie Hassler im Fricktal an. «Zurück in der Schweiz benutzte ich viele Wörter, die ich für deutsch hielt. Ich merkte jedoch bald, dass sie eben nicht deutsch sind», sagt sie. Sie lernte, dem «basura» Abfall zu sagen.

«Ich hatte eine wunderschöne Kindheit zusammen mit meinem Bruder und meiner Schwester», sagt die 48-Jährige heute. Der härteste Landeswechsel sei aber derjenige in die Schweiz gewesen. «Mit dem Winter habe ich mich immer noch nicht ganz versöhnt.» Lange wollte sie nach der Schule Krankenschwester werden. Doch sie hat sich dann für das Theologie-Studium entschieden. «Ich bin in einem nüchternen, reformierten Basler Alltag aufgewachsen. Aber ich hatte das Gefühl, das Theologie-Studium ist der richtige Weg.» Dass sie dereinst die erste Pfarrerin im Ruedertal werden sollte, hätte sie sich wahrscheinlich nicht vorzustellen gewagt.

Theologie-Studentin und Hostess

Während des Studiums in Basel begann sie bei der damaligen Crossair als Freelance-Hostess zu arbeiten. Ihre Biografie und ihre guten Sprachkenntnisse haben ihr zu diesem Job verholfen. Nachdem sie ihr Vikariat, die Ausbildung zur Pfarrerin, abgeschlossen hatte, übernahm sie bei der Crossair die Leitung des Notfallteams. Sie organisierte die Notfallausbildung für Hostessen und Piloten und arbeitete daneben in verschiedenen Aargauer Gemeinden als stellvertretende Pfarrerin, unter anderem in Möhlin.

Während sie bei der Crossair arbeitete, musste sie auch zwei Schicksalsschläge mit dem Unternehmen durchmachen. Es war der 10. Januar 2000. Eine Crossair-Maschine sollte von Zürich nach Dresden fliegen. Kurz nach dem Start stürzte sie bei Niederhasli ab. Nadine Hassler weiss noch jedes Detail dieses Tages. Um 18.30 Uhr ging der Alarm los. Zuerst dachte man, es sei Probealarm, weil einer angekündigt war. Doch die Realität holte sie ein. Nadine Hassler war Teil des Care-Teams und flog sofort nach Dresden, um die Familien zu informieren. Noch heute hat sie Kontakt mit einer Familie. Ein Jahr später, am 24. November 2001, wurde sie auch zum Flugzeugabsturz bei Bassersdorf hinzugezogen. «Man erlebt etwas, das einen zeitlebens prägt und das man nicht vergisst», sagt Nadine Hassler.

Eineinhalb Jahre arbeitete sie noch bei der Swiss, danach entschied sie sich, ganz als Pfarrerin tätig zu sein – in Möhlin war eine Stelle offen. 13 Jahre arbeitete sie dort als Pfarrerin und wohnte im Dorf mit ihrem Ehemann Gerhard Bütschi und Tochter Bérénice. Ihre Erfahrungen bei der Crossair liess sie in ihren Job einfliessen. Und noch heute bedient sie gerne Gäste.

Der Glaube als Fundament

«Der Glaube ist für mich das Fundament, auf dem ich stehe», sagt sie. Aufzwingen will sie den Glauben niemandem. «Jeder muss für sich entdecken, was einem der Glaube bringen kann.» Sie glaubt daran, dass die Beziehung zu Gott den Menschen hilft, ihren Weg zu finden. «Der Glaube hilft, das Glas halb voll und nicht halb leer zu sehen.»

Der ehemalige Ruedertaler Pfarrer hat Nadine Hassler auf die frei werdende Stelle angesprochen. Die Entscheidung hat sie zusammen mit ihrer Familie abgewogen. «Es war uns sehr wohl in Möhlin, doch gleichzeitig ist auch vieles Routine geworden», sagt sie. Zudem habe sie ein Einzelpfarramt gereizt. So sagte die Familie schliesslich Ja zum neuen Job und Ja zum neuen Tal.

Eine Freundin riet Nadine Hassler: «Zügle dein Temperament und überroll die Menschen im Ruedertal nicht.» Daran will sie sich halten. Nadine Hassler Bütschi ist nun auch die erste Pfarrerin im Ruedertal. «Das gibt mir viel Narrenfreiheit», sagt sie mit einem Lachen im Gesicht.

Amtseinsetzung: Gottesdienst am 30. August, 10 Uhr, Kirche Schlossrued