Vor zwei Wochen berichtete die AZ über den Lenzburger Jörg Kyburz (56). Dieser kämpfte sich nach einer Krebserkrankung unter anderem mit der Achtsamkeitsphilosophie zurück ins Leben. Zwischenzeitlich bestreitet er einen Teil seines Einkommens mit Kursen über Achtsamkeit. Eine weitere Achtsamkeits-Anhängerin aus dem Aargau ist Erica Fankhauser (53). Sie arbeitet zu 50 Prozent als Sportlehrerin in Seengen, wohnt in Zetzwil und hat ein Achtsamkeitsatelier in Menziken. Sie erklärt, warum sie überzeugt ist, dass diese Lehre aus der USA vielen Menschen helfen kann.

Der Krebs brachte die Wende

Erica Fankhauser kam vor 30 Jahren aus Holland in die Schweiz und begann als Sportlehrerin zu arbeiten. Das Leben der verheirateten Frau war nahezu perfekt, bis sie ein Burnout hatte. «Vor zwölf Jahren bin ich aus beruflichen Gründen und wegen meiner Lebensumstände an die Wand gefahren», sagt Erica Fankhauser. Sie konnte nichts mehr ausser atmen.

In der Klinik in Gais AR kam sie zum ersten Mal in Berührung mit Atemübungen. Was sie zuvor immer belächelt hatte, half ihr jetzt. Zurück im Alltag verfiel sie aber schnell wieder in ihren alten Trott. Auch ein achtwöchiger Achtsamkeits-Kurs (MBSR-Kurs, «Mindfulness-Based Stress Reduction») brachte sie nicht dazu, ihre Lebensweise zu ändern. Erst als sie an Krebs erkrankte, merkte sie aus der Not heraus, wie viel Kraft sie aus der Achtsamkeit schöpfte. Nachdem sie die Krankheit überstanden hatte, absolvierte sie die Ausbildung zur MBSR-Lehrerin. Weitere Ausbildungen folgten und Erica Fankhauser vertiefte sich immer mehr in das Thema und die Lebensweise.

Achtsamkeit in den Schulen

«Ich habe alle Methoden an mir selbst ausprobiert, Ausbildungen besucht, Inputs gesammelt im Bereich Kreativität und Bewegung. Zudem habe ich schon seit je Mandala gemalt», sagt Erica Fankhauser. Während eines Sabbaticals kam ihr die Idee, ein Programm zu entwickeln, in dem Achtsamkeit, Bewegung, Kreativität und Meditation zusammenfliessen. Das Programm sollte so viele Kinder wie möglich erreichen.

Erica Fankhauser sitzt mit geradem Rücken auf der Bank, ihr Haar ist lässig zu einem Knoten gebunden, sie ist mit sich und der Welt im Einklang. Sie lächelt und erklärt: «Ich glaube, ich wäre in meinem Leben weniger oft hingefallen, wäre mir die Lebensweise der Achtsamkeit bereits im Schulunterricht vermittelt worden.» Entstanden ist das Bewusst-Seins-Training-Programm für Lehrpersonen, kurz BTP: dabei geht es darum, wie Lehrpersonen sich selbst und ihre Schüler bei der Entwicklung von Achtsamkeit unterstützen können. Die Lehrpersonen erhalten eine Tool-Box mit Übungskarten, ein kleines Lehrbuch und eine Box mit Yogaübungen.

Die Lehrer und Lehrerinnen gehen mit ihren Schülern Themen an wie «Beobachten und Konzentrieren», «Auf den Körper hören» oder «Gefühle akzeptieren» und machen dazu die vorgeschlagenen Übungen. Wichtig sei, dass die Lehrpersonen bereit sein müssen, nach dem Prinzip der Achtsamkeit zu leben, betont Erica Fankhauser. Kinder übernehmen das, was ihnen vorgelebt wird.

Seit zwei Jahren bietet sie den BTP-Kurs auch als Teil des Weiterbildungsprogramms an der Pädagogischen Hochschule Luzern an. «Es besteht ein Bedürfnis vonseiten der Lehrpersonen nach solchen Angeboten. Die Schüler sind heute schwieriger in den Griff zu bekommen. Es braucht Methoden, um besser mit der Energie der Kinder und der eigenen Energie umzugehen», erklärt die Zetzwilerin. Sie wünscht sich, dass Achtsamkeit Teil des Schulunterrichts wird – «Meditation statt Strafe». Und sie geht noch einen Schritt weiter: «Noten sollten abgeschafft werden. Der Druck auf die Kinder ist heute einfach zu gross. Das Leben kommt zu kurz. Wir nehmen unseren Kindern die Möglichkeit, sich zu entfalten, neugierig zu sein und im Moment zu leben.»

«Ich bin eine Idealistin»

Achtsam Leben bedeutet in den Augen der Anhänger dieser Philosophie, im Hier und Jetzt zu leben. Es geht darum, präsent zu sein, Ruhe zu bewahren und die Übersicht nicht zu verlieren. «Ich zeige meinen Klienten auf, was Stress ihrem Körper, ihrem Geist und Gehirn antut», sagt Erica Fankhauser. Viermal im Jahr führt sie einen Achtsamkeitskurs, also MBSR-Kurs, durch. Kosten: 700 Franken.

Erica Fankhauser sagt: «Ich bin eine Idealistin. Ich bin überzeugt, dass man mit der Achtsamkeit die Welt verändern kann.»