Unterkulm
Erpressung, Nötigung, Drogendealerei: Unbelehrbare Brüder wandern ins Gefängnis

«Unnötige Scheisse», sagen zwei junge Brüder, die zum wiederholten Mal straffällig geworden sind. 2015 wurden sie bereits zu bedingten Haftstrafen verurteilt – diese und noch mehr müssen sie jetzt absitzen.

Isabelle Schwab
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Die beiden Brüder müssen die zuvor vom Bezirksgericht Baden ausgesprochene bedingte Haftstrafe von sechs Monaten definitiv absitzen. (Symbolbild)

Die beiden Brüder müssen die zuvor vom Bezirksgericht Baden ausgesprochene bedingte Haftstrafe von sechs Monaten definitiv absitzen. (Symbolbild)

istock

Dass sie Brüder sind, ist nicht von der Hand zu weisen. Und sie tragen die selben verschlissenen Jeans, haben dieselbe Haltung und dieselbe Art, die Stimme beim Reden zurückzunehmen – vermutlich, um etwas relaxter zu wirken. Heute sitzen sie vor Gericht, weil sie beschuldigt werden, jemanden erpresst zu haben. «Mehrfache Erpressung, (...), zum Teil versucht», steht in der Anklageschrift.

Der ältere Bruder, nennen wir ihn Kenan, soll ausserdem gegen das Betäubungsmittelgesetz, Waffengesetz und die Verordnung über Zulassung und Aufenthalt verstossen haben. «Unnötige Scheisse», fasst er am Ende der Verhandlung dann auch die Sachlage zusammen. Unklar bleibt, ob damit die Verhandlung, oder seine Tat gemeint ist.

Ausländerstatus ist schuld

Kenan ist 22 Jahre alt, wurde in der Schweiz geboren, besitzt jedoch die algerische Staatsbürgerschaft und einen Schweizer F-Ausweis. Er gilt als vorläufig aufgenommener Ausländer. So auch sein zwei Jahre jüngerer Bruder, Nico (Name geändert).

Kenan sucht gerade eine Lehrstelle im Strassenbau. Nico macht ein Praktikum im Gartenbau und hat eine Lehrstelle in Aussicht. Bei beiden ist das der Versuch, es diesmal richtig zu machen, nachdem sie schon einmal ihre Ausbildungen abgebrochen haben.

«Ich habe immer versucht, den geraden Weg zu gehen», erklärt Kenan vor Gericht. «Ich weiss nicht, wie das passieren konnte.» Sein Bruder Nico hingegen hat für die meisten Dinge eine Erklärung: Den F-Ausweis besitzt er, weil die Eltern vor 22 Jahren – damals tobte in Algerien ein Bürgerkrieg – ohne Papiere in die Schweiz kamen.

Seine Vorstrafen hat er, weil er als Jugendlicher frustriert war. «Andere konnten in die Ferien gehen, wir sind jedes Jahr zu Hause geblieben. Eine Lehrstelle zu finden ist so auch nicht gerade einfach», sagt er. «Mit einem B-Ausweis», meint er und beginnt zu murmeln, «wäre vielleicht alles anders geworden.» Was denn genau anders herausgekommen wäre, werden wir nie erfahren.

Dass die Brüder ihre Lage mit ihrem Verhalten nicht verbessert haben, ist jedoch klar. Schon im Herbst 2015 wurden sie am Bezirksgericht Baden wegen Nötigung zu einer bedingten Haftstrafe von sechs Monaten verurteilt. Und auch die aktuellen Vorwürfe wiegen schwer.

Kokain, Drohungen und Erpressungen

Der Privatkläger, Kevin (Name geändert), gibt an, mehrere Male Kokain von Kenan gekauft zu haben. Ende April 2016 wurde er dann aber von Kenan und seinem Bruder an seinem Arbeitsplatz überrascht. Sie verlangten von ihm, dass er seine Schulden bezahle. Kevin jedoch glaubte, keine Schulden zu haben.

Trotzdem gab er den Brüdern an diesem Tag 100 Franken und erklärte ihnen, dass er nicht mehr Geld habe, sein Lohn sei noch nicht gekommen. Die Brüder glaubten ihm nicht und begleiteten ihn nach Schöftland zu einem Bankomaten. Hier sollte Kevin 1000 Franken abheben.

Als das nicht gelingt – Kevin hat nur noch 80 Franken auf dem Konto – entzieht ihm Nico sein Smartphone, ein teures Samsung Galaxy S6 Edge und droht. Nur wenn Kevin seine EC-Karte und den PIN-Code «freiwillig» rausrücke, bekomme er das Handy wieder zurück. Kevin fügte sich aus Angst vor Repressalien. Zum Beweis dafür, dass er den Brüdern seine EC-Karte freiwillig übergeben hat, drehten die beiden ein Video.

Auch bei einem zweiten Erpressungsversuch am Hauptbahnhof in Zürich habe Kevin laut den Brüdern sein Handy freiwillig ausgehändigt. «Wir wollten ein Missverständnis wie beim Fall in Baden vermeiden», erklärt Kenan vor Gericht. Die Aussagen der Brüder sind dem Gericht jedoch nicht schlüssig. Es spricht Kenan und Nico schuldig.

Das heisst, dass sie die zuvor vom Bezirksgericht Baden ausgesprochene bedingte Haftstrafe von sechs Monaten absitzen müssen. Dazu kommen für Kenan sechs Monate für Erpressung und den Verstoss gegen das Betäubungsmittelgesetz sowie zwei Bussen: zum einen wegen Widerhandlung gegen die Verordnung für Aufenthalt, zum anderen für den unerlaubten Besitz eines Schlagstockes. Sein Bruder Nico muss zusätzlich zu den sechs Monaten vier Monate für mehrfache versuchte Erpressung absitzen.

Unerwartet kommt das Urteil nicht. Nico hatte sich schon in der Verfahrenspause erkundigt, ob er im Falle einer Verurteilung direkt abgeführt werde. So wirken die jungen Erwachsenen während der Urteilsverkündung gefasst. Nur das leichte Zucken im Mundwinkel und die Hände am Hals verraten die Gemütslage der Brüder.

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