Die Gelegenheit, die sich dem damals 24-jährigen Eritreer auf dem Silbertablett präsentiert hatte, packte der Sozialhilfebezüger, ohne zu zögern. Seine über 80-jährige Vermieterin – sie wohnte im Obergeschoss, er in der Einliegerwohnung – hatte ihre Bancomat-Karte, die sie zusammen mit dem Pin-Code aufbewahrte, im Erdgeschoss verloren. Kidane (Name geändert) nahm die Karte samt Pin an sich und verwendete sie mehrmals für Einkäufe und Geldbezüge. Innerhalb von 10 Tagen gab er so 11 395 Franken aus. Wofür er so viel Geld brauchte, konnte er gestern vor dem Gerichtspräsidium Kulm nicht mehr genau sagen. «Kleider, Schuhe, Essen und Trinken», liess Kidane übersetzen.

Nachdem er zur ersten Gerichtsverhandlung nicht erschienen war – auch sein amtlicher Verteidiger konnte keinen Kontakt zum Beschuldigten aufnehmen –, brachte ihn gestern die Polizei. Kidane musste sich wegen gewerbsmässigen betrügerischen Missbrauchs einer Datenverarbeitungsanlage und geringfügigem Diebstahl vor der Einzelrichterin verantworten. Die Staatsanwaltschaft forderte eine bedingte Freiheitsstrafe von 12 Monaten, eine Busse von 4000 Franken und einen Landesverweis.

Schlechtes Gewissen kam später

Ruhig sass der junge Mann neben seinem Dolmetscher. Er verstehe ein bisschen Deutsch, gab er mit einem Nicken zu verstehen. Für die Verhandlung war er aber auf die Übersetzung angewiesen. Der 26-jährige Eritreer flüchtete 2012 aus seinem Heimatland und reiste via Sudan, Libyen und Italien 2013 in die Schweiz ein. Die Gründe und Umstände seiner Flucht beschrieb er in seinem Asylverfahren und gestern vor Gericht unterschiedlich. Zuerst waren es sechs Monate Haft in Eritrea, gestern noch vier Monate.

2015 wurde er als Flüchtling in der Schweiz anerkannt. Am Anfang besuchte er einen Deutschkurs, anschliessend suchte er Arbeit. Er spielte Fussball in einem Club im Wynental und jobbte ab und zu im Gartenbau oder bei einem Bauern. Letzten Sommer reiste auch seine Ehefrau in die Schweiz ein.

Zwei Jahre sind seit der Straftat von Kidane vergangen. Ob er kein schlechtes Gewissen hatte, wollte Gerichtspräsidentin Yvonne Thöny Fäs von ihm wissen. Schliesslich sei die Geschädigte quasi seine Schlummermutter gewesen und deren Sohn habe ihm auf dem Bauernhof Arbeit gegeben. «Nachdem ich das Geld ausgegeben hatte, kam das schlechte Gewissen. Aber da war es schon zu spät», gab der 26-Jährige zu. 3500 Franken wurden bei seiner Verhaftung in der Wohnung gefunden, diese hat er der Geschädigten zurückgegeben. Auch persönlich habe er sich bei ihr entschuldigt.

Wie gross ist kriminelle Energie?

Seitdem die Ausschaffungs-Initiative im Oktober 2016 in Kraft ist, gilt für gewisse Straftaten automatisch der Landesverweis. Darunter fällt auch das von Kidane begangene Delikt. Damit war sein Verteidiger jedoch nicht einverstanden. Er plädierte darauf, dass sein Mandant nicht gewerbsmässig gehandelt hatte – was keinen Landesverweis zur Folge hätte. Zudem sei es nachvollziehbar, dass der Beschuldigte angesichts seiner Lebensumstände die Gelegenheit nutzte, die sich ihm bot. Es brauchte dafür keine grosse kriminelle Energie.

Was Kidane zu einem Landesverweis sagen würde, wollte die Gerichtspräsidentin Thöny Fäs wissen. «Ich kann das nicht akzeptieren. Wohin soll ich denn gehen?», antwortete er ihr. Die Richterin folgte dem Antrag der Staatsanwaltschaft und verurteilte den Beschuldigten wegen gewerbsmässigen betrügerischen Missbrauchs einer Datenverarbeitungsanlage. «Es mag stossend erscheinen, dass, wenn der Beschuldigte das Konto mit einem Bezug geleert hätte, die Tat anders angeschaut worden wäre», so Thöny Fäs. Hätte er nach nur einem Bezug die Karte weggeworfen, wäre die kriminelle Energie kleiner gewesen. So entschied er sich immer wieder, eine Straftat zu begehen.

Der Eritreer wurde zu einer bedingten Freiheitsstrafe von neun Monaten verurteilt, bei einer Probezeit von zwei Jahren. Auch der Landesverweis wurde ausgesprochen. Ob es sich bei Kidane um einen sogenannten Härtefall handelt, konnte das Gericht aufgrund seiner unterschiedlichen Aussagen der Fluchtgründe nicht beurteilen. Dies müsse die Vollzugsbehörde entscheiden, so die Präsidentin.