Der 19. März 2014 war ein Mittwoch: ein ganz normaler Arbeitstag für Marlies B.*, Beiständin auf dem Regionalen Sozialdienst in Kölliken. Am Nachmittag steht ein Termin mit einem Klienten an: 15.15 Uhr, Bruno F.*. Noch kennen sich die beiden nicht gut. Das wird ihnen zum Verhängnis.

Bruno F. hat es nicht einfach in seinem Leben. Der Vater ist gestorben, die Mutter psychisch krank. Bruno F. hilft ihr, besorgt ihr den Haushalt, erledigt die Post. Auch für einen würdevollen Abschied des Vaters hat er gesorgt: Er bezahlt den Grabstein, die Kremierung, die Todesanzeigen. Seinen Geschwistern sei das, erzählt er dem Richter, «alles egal». F. ist den Tränen nah.

Auch am 19. März vor einem Jahr kommen diese Emotionen hoch. Beiständin Marlies B. konfrontiert ihren Klienten mit einer, wie er sagt, «leidigen Geschichte»: dem Streit um das Erbe des Vaters. Hinterlassen hat er eine Eigentumswohnung. Dieses Vermögen sollte fair aufgeteilt werden – aber Bruno F. wird von seinen Geschwistern übergangen.

Nach Drohungen gegen Mitarbeiter: Sicherheitsleute bewachen Fislisbacher Gemeindehaus.

Nach Drohungen gegen Mitarbeiter: Sicherheitsleute bewachen Fislisbacher Gemeindehaus. (5. März 2015)

Auf dem Sozialdienst fordert er einmal mehr das Geld, das ihm zusteht, fühlt sich von der Beiständin nicht verstanden. Er wird laut. Sie bittet ihn zu gehen, er bleibt sitzen, blättert in seinen Unterlagen. Sie fordert ihn nochmals auf, das Büro zu verlassen und sich einen neuen Termin geben zu lassen. Er steht auf, geht aber nicht zur Tür, sondern zum Schreibtisch. Greift nach dem Telefonhörer, «als wolle er den Telefonanschluss herausreissen», wie es in der Anklageschrift heisst.

Die Beiständin sagt ihm, er solle dies doch sein lassen und berührt ihn dabei kurz. Eine Berührung mit fatalen Folgen: Bruno F. packt die Beiständin am Handgelenk, reisst daran. Packt sie mit beiden Händen am Hals, stösst sie nach hinten an einen Einbauschrank. Sie will schreien, kann aber nicht, weil er sie würgt. Er schlägt ihren Kopf mehrmals heftig an den Wandschrank. Marlies B. weiss nicht, was mit ihr geschieht. Sie wird kurz bewusstlos, kommt aber wieder zu sich. Sagt ihm, er solle jetzt gehen. Bruno F. gehorcht.

Marlies B. erleidet eine Gehirnerschütterung und Verletzungen an Hals, Kehlkopf, Kopf, Schulter und Armen. Bis heute leidet sie an einer posttraumatischen Belastungsstörung: Sie sei erschöpft, habe Albträume, ziehe sich zurück, erzählt ihre Anwältin. Der Wiedereinstieg in den Beruf sei misslungen, die Arbeitsfähigkeit auf dem bisherigen Gebiet nicht mehr gegeben. «Sie leidet sehr», sagt die Anwältin. 

Der Gerichtspräsident in Laufenburg befragt Bruno F. zum Erbschaftsstreit. Er sagt: «Recht haben und Recht erhalten sind zweierlei. Wie reagieren Sie?» – «Das hat man ja gesehen», sagt Bruno F. «Und wie würden Sie heute reagieren?» – «Es tut mir von Herzen leid. Ich würde nach Hause gehen. Ich würde einen Anwalt einschalten.»

Nach dem Vorfall wurde der Beschuldigte in Untersuchungshaft genommen. Am Gericht erscheint er im grauen Trainingsanzug, das Haar etwas zerzaust. Er scheint verwirrt und doch gefasst. Er sagt, er verstehe «das ganze juristische Zeugs» in der Erbschaftssache nicht – argumentiert teils aber selbst mit Artikeln aus dem Zivilgesetzbuch. Er spricht mehrmals vom «Arzt», meint aber einen Rechtsanwalt mit Doktortitel. Er kann teilweise Fragen erst richtig beantworten, nachdem sie der Gerichtspräsident dreimal wiederholt hat – kann aber all seine Beistände der letzten zehn Jahre mit Nachnamen auswendig aufzählen.

Die Staatsanwaltschaft fordert eine 18-monatige Freiheitsstrafe, wobei diese zugunsten einer stationären Massnahme ausgesetzt werden soll. Das Gericht folgt diesem Antrag einstimmig. Grund dafür ist vor allem auch die Vorgeschichte von Bruno F.: Er ist ein Wiederholungstäter. 2011 hatte er bereits den Vorsteher eines Betreibungsamts gepackt und an die Wand gedrückt, 2012 eine Mitarbeiterin der Staatsanwaltschaft Zofingen-Kulm beschimpft und bedroht. «Sie haben es wirklich nicht begriffen», resümiert der Gerichtspräsident. Zwar sei die Schuldfähigkeit wegen einer diagnostizierten Persönlichkeitsstörung und mehrerer Gedächtnisstörungen reduziert – aber das ändere nichts daran, dass er die Tat bewusst begangen und die Verletzungen in Kauf genommen habe.

Jetzt muss Bruno F. in stationäre psychiatrische Behandlung. Und seinem Opfer eine Genugtuung von 8000 Franken bezahlen. Nicht erfüllt respektive auf den Zivilweg verwiesen wurde im Übrigen eine Schadenersatzforderung der AXA Winterthur. Grund dafür: Die Versicherung hatte zwar geklagt – aber nie die nötigen Belege beim Gericht eingereicht.

*Alle Namen geändert.

Sozialhilfeempfänger verletzt Sozialarbeiterin

Sozialhilfe-Empfänger verletzt Sozialhilfe-Mitarbeiterin (März 2014)