Muhen
Er schlachtet Autos aus und exportiert die Ersatzteile in den Libanon

«Reden wir nicht über Politik. Das gibt nur Probleme», sagt Rabiaah Haj-Hassan, zieht an seiner Zigarette und spricht dann doch davon. Denn Kriege, Revolutionen und die Politik des Westens, das alles hat einen Einfluss auf sein Geschäft.

Aline Wüst
Merken
Drucken
Teilen

Rabiaah Haj-Hassan (57) schlachtet Autos aus. In seiner Werkstatt «Auto Baba» türmen sich Motorhauben, Steuerräder, Geschwindigkeitsanzeigen und Sitze. Vor den grossen Fenstern lagern die Motoren – mit rotem Filzstift beschriftet.

Das Innenleben der Autos importieren seine libanesischen Kunden in ihr Heimatland. Dort ist es teuer Autos einzulösen, dafür ist Handarbeit billig. Deshalb werden kaputte Teile ersetzt und die Autos gefahren, bis sie Schrott sind. Ebenso wie der schwache Benzingeruch ist darum auch die Weltpolitik präsent in der Werkstatt. Haj-Hassan lebt vom Autorecyceln und ist finanziell abhängig vom Frieden.

Krieg und Frieden

Politische Unruhen gehen darum auch an Muhen nicht vorbei. Das soeben bewilligte Baugesuch für einen Abstellplatz für Occasionsautos ist ein Beispiel dafür. Hat der Krieg in Syrien Auswirkungen auf den Libanon, bricht sein Geschäft zusammen, erklärt Haj-Hassan. Darum der Abstellplatz. Occasionswagen kann man auch in der Schweiz verkaufen. Ein anderes Beispiel: Als Gaddafi weg war und Libyen offen, kauften die libyschen Geschäftsleute massenhaft Autos in der Schweiz. Haj-Hassan und seine drei libanesischen Mitarbeiter sowie der Schweizer Fahrer mit pakistanischen Wurzeln bekamen kaum noch alte Autos und hatten keine Arbeit mehr. Ein Mitarbeiter schaut kurz im Büro vorbei: «Salam aleikum mitenand.»

In guten und schlechten Zeiten

Dass der Libanon einer ruhigen Zukunft entgegensieht, das hofft Haj-Hassan aus persönlichen und nicht aus geschäftlichen Gründen. Auch, weil er den Krieg nicht nur aus den Medien kennt. Als 20-Jähriger flüchtete er vor dem Bürgerkrieg in seiner Heimat. Vor 20 Jahren kam er in die Schweiz. Hier lernte er seine Frau kennen, die Ethnologin Doris Scheidegger.

20 Jahre sind die beiden nun verheiratet. «Wir bleiben es, bis der Tod uns scheidet», sagt Haj-Hassan und schaut zu seiner Frau. Sie nickt. Die beiden wissen, was die guten Zeiten einer Ehe sind, kennen aber auch die schlechten. Gemeinsam haben sie Krankheiten ausgestanden und Träume begraben. Der schmerzhafteste war der Traum vom Auswandern.

Es war der 33-Tage-Krieg im Libanon, der ihnen einen Strich durch die Rechnung machte: 2004 kehrte Haj-Hassan in seine Heimat zurück. Seine Frau folgte ihm zwei Jahre später. Ebenfalls auf den Weg machte sich ein Container, gefüllt mit wertvollen Autoersatzteilen – ihre finanzielle Absicherung. Kaum war Doris Scheidegger im Libanon, begannen die Bombardements.

Trotzdem blieben die beiden. Heimkehren war keine Option. «Wir haben uns dazu entschieden auszuwandern», sagt Scheidegger Ihr Mann ergänzt: «Ich wäre sowieso immer nur am Telefon gehangen.» Stattdessen suchten sie im Garten Schutz vor den Bomben. Nach dem Krieg gab es dann ein Embargo. Als Monate später der Container eintraf, waren viele Ersatzteile kaputt, weil sie so lange in der Sonne schmorten. Und die Türken belasteten ihnen die langen Lagerungskosten ohne Pardon. «Ein schlimmer finanzieller Verlust», sagt Haj-Hassan.

Sie mussten zurück in die Schweiz. Wohnen heute in Holziken. Doris Scheidegger ist arbeitslos. «Traurig, dass ich nicht mehr gebraucht werde», sagt die über 60-Jährige und würde am liebsten schon morgen in den Libanon zurückkehren. Obwohl sie dort den Krieg erlebte. Und der ist noch immer präsent. Fliegt ein Kampfjet über sie hinweg, schaut sie instinktiv auf die Uhr – die israelischen Bomber kamen regelmässig. Morgens um sechs, um zehn, abends um sechs und wieder um 22 Uhr.

Ärgert sie sich über die dazu fast banalen Sorgen der Schweizer? «Nein, die Schweizer haben eine andere Mentalität als wir», sagt sie – die Schweizerin. Ein Stück Heimat gibt ihnen das libanesische Brot, das ihnen die Geschäftsleute jeweils mitbringen. Mindestens zehn Stück lagern in ihrem Tiefkühler.

Im Autobusiness hat Haj-Hassan, schon im Libanon gearbeitet. Darum tut er es auch in der Schweiz. Er ist nicht der Einzige. Fast alle Schweizer Libanesen arbeiten im Autoexport. «Böse Zungen behaupten, das Einzige was Libanesen können sei reden», sagt Doris Scheidegger. Ihr Mann entgegnet: «Wir können auch handeln.» Dann muss er los. Ein libanesischer Fahrer bringt neue alte Autos.