Ein Auto donnert vorbei. Ein Zweites hinterher. Deren Fahrer werden wahrscheinlich nur – wenn überhaupt – in den Augenwinkeln bemerkt haben, welch prächtiges Haus am Strassenrand steht. Wer sich jedoch ein bisschen Zeit nimmt, der erkennt, dass hier jemand wohnen muss, der sein Handwerk versteht.

Im grossen Haus an der Verbindungsstrasse zwischen Zofingen und Uerkheim – im ehemaligen Hinterwiler Schulhaus – wohnt Kunstmaler Hugo Siegrist zusammen mit seiner Frau Monica. 1979 haben sie das Haus gekauft. Ein Abrissobjekt. «Ich habe das alte Schulhaus in der Zeitung gesehen und wurde übermütig. Ich war ein bisschen mutig», sagt Siegrist im Nachhinein. Mutig, weil das Haus eigentlich einer aufwendigen Sanierung bedurft hätte und Siegrist das Geld dafür nicht hatte. Das Dach war kaputt, die Fenster alt, die Wände hatten Risse.

Vom Leben bis zum Tod

Zuerst wurden diejenigen Räume renoviert, die zum Wohnen gebraucht wurden: Badezimmer, Küche. Später kam die Heizung dazu. Im Jahr 2000 wurde das Dach instand gestellt und neue Fenster eingebaut. Nebenher gestaltete Siegrist den ganzen Garten, der direkt am Hinterwilerbach liegt, neu.

Als er begonnen hat, die Aussenfassade zu malen, bemerkte er Risse im Sockel. Er begann sie mit Zement auszubessern und gab den neuen Linien Formen. Dort, wo sich früher die Weinranken den Weg in die Höhe suchten, hat Hugo Siegrist heute den Sockel verziert. Die Linien schlängeln sich hinauf, sie bestehen aus Körpern von Frauen, aus ineinander gewobenen Formen und den verschiedensten Farben. Figuren wie eine Hexe mit ihrem Kater, der aber noch keine Farbe bekommen hat, sind zu erkennen.

Auch modellierte Pralinés und Schokolade finden sich auf der Fassade oder die Namen seiner Frau Monica und seines Sohnes Mario sind ebenfalls Bestandteile. An einer Hauswand geht es um das Leben und den Tod. Könige und Totenköpfe sind zu sehen. Den Eingang ins Haus markiert ein Löwe, in dessen Maul sich ein Frauenkopf befindet. «Ich habe einfach aus dem Bauch herausgearbeitet», sagt er.

Eine Treppe, auf der ein roter Teppich mit goldenem Rand zu liegen scheint, führt ins Haus. Säulen schmücken den Eingang, Siegrist hat sie selbst gebaut und mit Mosaiksteinen verziert. Im Innern des Hauses wähnt man sich in einem kleinen Museum. Die Wände sind verziert mit Siegrist-Bildern und feinen Linien.

Diese hat er mit Spachtelmasse, Ton oder auch Gips auf die Wände modelliert und mit Spiegeln, Mosaiksteinen und sonstigen Accessoires verziert. «Jeder Riss, den ich in der Wand gesehen habe, habe ich benutzt, um weiter zu modellieren», sagt er und lacht verschmitzt.

Vom Taxifahrer zum Künstler

Siegrist fühlte sich in den Wänden des alten Schulhauses sofort wohl, obwohl er selbst nie gerne zur Schule ging. Schon in der ersten Klasse hätten sie ihm gesagt, dass er Künstler werden würde. Später hat er mehrere Lehren geschmissen und als Taxifahrer in Aarau gearbeitet. Doch die Leidenschaft zur Kunst kitzelte ihn immer wieder. Irgendwann entdeckte ihn ein Geschäftsmann und öffnete ihm die Tür zur Welt der Künstler.

Er begann, Schaufenster für Jeansboutiquen zu malen und er bezog in Aarau ein Atelier. Von 1977 bis 1985 malte er Innen- und Aussenfassaden für mobile Kinos auf den Rummelplätzen – und kaufte dazwischen das alte Schulhaus in Uerkheim. Für den Zirkus Knie hat er 16 Jahre lang Reklamen gestaltet und daneben Auftragsmalereien ausgeführt.

Heute malt und modelliert Siegrist nur noch für sich. Ein beliebtes Sujet sind die Frauen. «Ich habe einfach immer gerne Frauen gemalt», sagt er. Zudem seien Frauen schwer zu modellieren und diese Herausforderung reize ihn. In seinem Atelier in Uerkheim stehen Schaufensterpuppen herum, die er künstlerisch verändern will. Er habe auch schon eine Puppe an die Strasse gestellt, «da ist der Buschauffeur beinahe neben die Strasse gefahren».

Im nächsten Jahr wird Hugo Siegrist 70 Jahre alt. Er hat noch viele Pläne, vor allem möchte er eine Ausstellung mit seinen Bildern machen. Bilder dafür hätte er genug, doch nur wenige sind ihm gut genug. «Vielleicht müsste ich weniger Frauen und dafür mehr Landschaften malen», sagt er. Denn auch das Meer und die Berge ziehen ihn an.

Kennen Sie noch andere Häuser in den Regionen Aarau, Lenzburg, Wynental-Suhrental, welche künstlerisch gestaltet wurden oder noch werden? Melden Sie uns Ihre Ideen und Beobachtungen an: wysu@aargauerzeitung.ch