Muhen

Er dirigierte schon als Kind - mit einer Stricknadel

© Mario Heller

Nach drei Jahrzehnten gibt der Dirigent der Musikgesellschaft Heinz Müller den Taktstock weiter. An den vier Jahreskonzerten dirigiert er die Gesellschaft zum letzten Mal.

Sobald im Haus der Familie Müller Musik gespielt wurde, konnte der junge Heinz nicht mehr stillsitzen. Er schnappte sich eine Stricknadel, stieg auf einen Schemel und fuchtelte mit seinen Armen wild umher.

Heute fuchtelt der 67-Jährige noch immer, wenn auch nicht mit einer Stricknadel und um einiges koordinierter. Seit dreissig Jahren ist Heinz Müller Dirigent der Musikgesellschaft Muhen (MGM). Nun tritt er zurück und gibt an den Abschiedskonzerten dieses und nächstes Wochenende zum letzten Mal den Takt an.

«Ich bin mit Hausmusik grossgeworden. Mein Vater war Akkordeonist, der Grossvater spielte Posaune in der MGM», erzählt Heinz Müller. Mit acht Jahren packte das Musizierfieber auch ihn. Wie damals üblich fing Heinz Müller an, Blockflöte zu spielen. Dazu kam die Faszination für die Mundharmonika. «Eines Tages brachte mein älterer Bruder dann eine Trompete mit nach Hause.» Es dauerte nicht lange und auch der Kleinere der beiden spielte auf dem Instrument Tonleitern auf und ab.

Mit elf trat er der MGM bei. Heinz Müller wurde Hornist, spielte lange Zeit das erste Tenorhorn. Doch das wurde ihm zu langweilig. «Die MGM war damals eine kleine Gesellschaft mit fast ausschliesslich Blechbläsern. Die Literatur, die man umsetzen konnte, war beschränkt.» Er sattelte deshalb auf Holz um, lernte Klarinette und später Saxofon.

Auf Wunsch der Mitglieder

«Die Musik kann einem so viel geben. Jemand der kein Instrument spielt, kann das gar nicht beurteilen», sagt Heinz Müller strahlend. Das Spielen und der Verein sind für ihn mehr als ein Hobby. Deshalb war es für den heute 67-Jährigen Ehrensache, 1987 für den damaligen Dirigenten Roland Basler einzuspringen, als dieser die Musikgesellschaft wegen einer schweren Krankheit in der Familie kurzfristig verlassen musste. «Ich hatte einen qualifizierten Ersatz organisiert, doch es war der Wunsch der Mitglieder, dass ich als Vize-Dirigent das Amt übernehme.»

Von da an widmete er jede freie Minute der MGM. Er holte die Dirigentenausbildung nach, besuchte Seminare im Ausland, unterrichtete den Nachwuchs. Und wenn bei einem Stück eine Stimme fehlte, komponierte er diese kurzerhand selbst. «Mir war wichtig, nicht nur traditionelle Blasmusik machen zu können. Unterhaltungsmusik hat mir schon immer gefallen.» So spielte die Musikgesellschaft bald nicht nur Polkas, Fanfaren und Märsche, sondern auch Popmusik, Jazz und Ausschnitte aus Musical- und Filmmusik.

Das kam an. Der Verein wuchs auf 60 Aktivmitglieder, schaffte 1998 den Aufstieg in die zweite Stärkeklasse, wurde an zwei Aargauischen Kantonalmusikfesten zum Sieger gekürt und erreichte am Eidgenössischen Musikfest in St. Gallen den 3. Rang in der Unterhaltungsmusik. «Als Dirigent muss man die Menschen gern haben. Dann kommt auch etwas zurück», verrät Heinz Müller. Es gehe darum, sich immer wieder inspirieren zu lassen und diese Inspiration weiterzugeben. «Wenn eine Probe nicht wie gewünscht läuft, muss man zuerst immer in den Spiegel schauen.» Und Heinz Müller hat noch einen weiteren Tipp für seinen Nachfolger Reto Borer: «An Musiktagen verteilte ich jedem Mitglied ein Beutelchen Beruhigungstee, um den Druck zu nehmen.» Einige schwüren noch heute darauf.

Ob jemand vor den kommenden Konzerten zur Teetasse greifen wird, ist ungewiss. Geübt wird aber intensiv. «Diese Woche hatten wir zwei Hauptproben und eine Registerprobe», sagt Heinz Müller. Trotzdem fanden er und seine Frau Heidi Zeit, den ersten Geburtstag ihres Enkels Luan zu feiern. Wie sein Grossvater hat er den Rhythmus im Blut. «Wenn er Musik hört, tanzt er in seinem Hochstuhl», sagt Heinz Müller. Da wird es wohl nicht mehr lange dauern, bis der Kleine den Schemel und die Stricknadel hervorholt.

Konzerte am 8., 9.,15. und 16. Januar um 20 Uhr. Tickets auf www.mgmuhen.ch oder von 18 bis 20 Uhr unter 077 463 10 12

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