In einem fremden Land Fuss zu fassen, ist eine riesige Herausforderung. Das weiss die Staffelbacherin Helena Taiana Santiago aus eigener Erfahrung. «In den ersten drei Jahren war es für mich unvorstellbar, ein Leben lang hier zu bleiben», gesteht sie.

Vor über 25 Jahren nahm alles seinen Anfang an der Universität von Pará in Brasilien. Die Wirtschaftsstudentin belegte das Freifach Deutsch, doch sie lernte die Sprache nur widerwillig. «Damals sah ich keinen Nutzen darin», berichtet sie. Doch dann lernte sie an der Uni einen jungen Mann kennen. Ihr Deutsch war noch so schlecht, dass sich die beiden auf Englisch verständigten. Ein Semester später folgte sie ihm in die Schweiz. Das war 1991.

Fern von Familie und Heimat stand Helena Taiana Santiago vor einem Neuanfang. Sie sah sich konfrontiert mit einer fast komplett fremden Sprache und vielen Vorurteilen. «So glauben viele Leute, es brauche eine schweizerische Ausbildung, um gut qualifiziert zu sein», sagt die SP-Grossratskandidatin. «Für mich persönlich bedeutete es, dass ich mich stärker unter Beweis stellen musste.»

Von den Grünen zur SP

Helena Taiana Santiago war schon immer politisch interessiert. «Mein Vater war Politiker, ich bin so aufgewachsen.» In Brasilien war sie in der grünen Partei, später trat sie auch in der Schweiz den Grünen bei. Bis sie vor 14 Jahren in die SP wechselte. Dort engagiert sie sich aktiv: 2007 kandidierte sie für den Nationalrat, und zweimal hielt sie am 1. Mai eine Rede für den Aargauischen Gewerkschaftsbund. Ihr politisches Anliegen formuliert sie so: «Alle Menschen in der Schweiz gehören zu einer Gesellschaft. Auch die 25 Prozent, die keinen Schweizer Pass haben. Es geht nicht, dass wir eine Politik für die Schweizer und eine für die Ausländer machen. Es braucht eine gesamte Politik für alle.»

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Santiago kennt das Gefühl der Isolation. Erst nach dem Umzug von Baden nach Staffelbach – in ein Quartier, in dem viele ausländischstämmige Frauen lebten – fand sie Anschluss. Mit ihrer Nachbarin traf sie sich zu gemeinsamen Kaffeestunden. «Ungeachtet der Herkunft sind die Ausländer untereinander viel besser vernetzt als mit den Schweizern», sagt Santiago.

«Ich fühle mich hier zu Hause»

Helena Taiana Santiago ist seit elf Jahren von ihrem Mann geschieden. Sie hat drei erwachsene Kinder. Schon immer war es ihr wichtig, dass ihre Kinder auch Portugiesisch lernen. Weil entsprechende Angebote aber selten und schwierig zu finden waren, liess sich Santiago zur Lehrerin für «Heimatliche Sprache und Kultur» ausbilden. Drei bis vier Jahre lang unterrichtete sie und merkte dabei, wie gross der Bedarf an Hilfe beim Integrationsprozess ist. «Sehr viele Ausländer sind völlig überfordert», sagt Helena Taiana Santiago. «Es besteht ein riesiger Bedarf an Informationen, die für sie schwer zugänglich sind.» Um diese Not nach Möglichkeit zu lindern, arbeitet Helena Taiana Santiago seit über 20 Jahren als Migrationsfachfrau. Was muss man sich unter diesem Beruf vorstellen? «Ich berate Private, Vereine und Institutionen zu sozialrechtlichen Fragen im Migrationsbereich.» Die 52-Jährige hat auch schon minderjährige Asylsuchende bei der Berufswahl unterstützt.

Dass sie die Sorgen und Nöte und die Suche nach einer Perspektive aus eigener Erfahrung kennt, hilft ihr bei der Arbeit. Zudem liebt die Insiderin in Migrationsfragen den direkten Kontakt zu den Leuten. «Mein wichtigstes Arbeitsinstrument ist das Vertrauen», stellt Santiago fest.

Ob sie sich vorstellen könnte, eines Tages nach Brasilien zurückzukehren? «Nein», antwortet sie lächelnd, aber bestimmt. Auch wenn sie die brasilianische Spontaneität zuweilen vermisst. «Zurückzugehen würde nochmals denselben Neuanfang bedeuten, wie ich ihn hier erlebt habe.» Zwar leben Mutter und Geschwister noch in Brasilien, doch Santiagos Kinder sind in der Schweiz gross geworden. «Ich fühle mich hier zu Hause.»