Schöftland
Eine Italienerin holt die Provence ins Suhrental

Daniela di Scianni ist Madame «Charme du midi». Sie bringt den Schöftlern die Provence ins Tal. Am Grenzweg hat sie vor einer Woche einen kleinen Laden mit Lager eröffnet, dort stapeln sich jetzt Duftsäckli, Seifen, Parfum, Tee.

Aline Wüst
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Daniela di Scianni in ihrem Laden «Charme du midi», wo sie Produkte aus der Provence verkauft.

Daniela di Scianni in ihrem Laden «Charme du midi», wo sie Produkte aus der Provence verkauft.

Aline Wüst

Eine Zigeunerseele habe sie, sagt Daniela di Scianni. Fast 20 Mal ist die 43-Jährige schon umgezogen und jedes Mal freute sie sich darauf. Fragte man di Scianni als Kind, was sie später machen wolle, war die Antwort stets: «Auswandern.» Ihre Sehnsucht galt der Provence. Mit dem Erwachsenwerden vergass sie den Kindheitstraum.

Heute ist di Scianni Madame «Charme du midi». Sie bringt den Schöftlern die Provence ins Tal. Am Grenzweg hat sie vor einer Woche einen kleinen Laden mit Lager eröffnet, dort stapeln sich jetzt Duftsäckli, Seifen, Parfum, Tee. Alles duftet hier nach Süden – nach Lavendel, Majoran, Rosmarin, Rose und Jasmin. Es ist di Sciannis zweiter Anlauf für einen Provence-Laden. Einem Laden, der die Geschichten ihres Lebens erzählt. Auch die traurigen.

Lavendel im Kofferraum

Den Traum von der Provence neu entflammt hat ein Mann namens Gianni. Er war Gast im Café, in dem Daniela Di Scianni servierte, er beobachte sie und verliebte sich in die Italienerin mit den ägyptischen Wurzeln. Die beiden verabredeten sich zum Nachtessen. Er war 20 Jahre älter als Daniela di Scianni, sie war damals gerade dabei, aus einem Burnout herauszufinden. Gianni fragte sie nach ihren Träumen: «Auswandern», sagte sie. Das wollte er auch, und zwar in die Provence, wo er schon einmal lebte. Es war die Mutter, die di Sciannis am Tag darauf erzählte, dass sie schon als 6-Jährige von der Provence träumte. «Gianni und ich waren Seelenverwandte.»

Zwischen den beiden begann eine Amour fou, eine Liebe, die Daniela die ihr Leben veränderte. «Gianni war Freund, Feind, Liebhaber und Geschäftspartner in einem.» Sie zog zu ihm nach Schlossrued, immer und immer wieder reisten die beiden mit dem Auto in die Provence. Dort hatten sie eine kleine Wohnung. Gemeinsam mit Gianni fand di Scianni zurück ins Leben. Ihre Sinne kamen zurück. Als Erstes roch sie den Lavendel.

Ein langer Weg

Die beiden wollten Lavendelfelder kaufen. Sie träumten davon, Lavendel in der Schweiz zu vertreiben. Fläschchen mit Lavendelessenz von dieser ersten Reise stehen heute im Regal des Lädelis. Bei jedem Aufenthalt in der Provence lernten sie Hersteller von natürlichen Produkten aus der Gegend kennen. Bei jeder Reise nahm sie Schachteln voller Provence zurück in die Schweiz. Das alles lagert nun im Lädeli. Von wo sie seit einer Woche Geschäfte in der ganzen Schweiz beliefert. Bis hierher war es ein langer Weg. «Aber jetzt haben wir haben es geschafft», sagt di Scianni und wischt sich eine Träne aus den Augen. Dieses «wir» gibt es nicht mehr. Gianni ist vor sechs Wochen gestorben.

Aufgeben wird di Scianni nicht. Sie trauert, weiss aber, dass ihre Freunde für sie da sind und sie hat ihre 12-jährige Tochter, die ihr wichtig ist. Und di Scianni kann auch lachen. Beispielsweise wenn sie erzählt, dass sie Merguez mit Senf über alles liebt und eine Minute später lachend fragt: «Habe ich jetzt tatsächlich erzählt, dass ich Merguez mit Senf liebe?»