Reinach

«Eine Frau gegen 30 galt als alt»: Der Historiker Pirmin Meier referiert im Wynental

Der Historiker Pirmin Meier wurde 1947 geboren und stammt aus Würenlingen.

Der Historiker Pirmin Meier wurde 1947 geboren und stammt aus Würenlingen.

Der Würenlinger hat in Reinach über Kiltgang, Dorfhuren, Verlöbnisse und Ehehoheiten gesprochen.

Die Volkshochschule Wynental mobilisierte wohl an die vier Dutzend Personen zum Abend über die «Geschichte der Sexualität» mit Pirmin Meier in Reinach. Der Historiker kann aus einem gewaltigen Wissensfundus schöpfen; er erzählt frei und anschaulich, und auch wenn (oder weil) er sich zuweilen Abschweifungen und herausfordernde Zeitsprünge leistet: Das Publikum geniesst einen Meier in Erzähllaune mit Sinn für Lokalbezug.

Der Kilterstock hat ein Innenleben

Mit einem Kilterstock aus dem Luzernischen, einem Spazierstock mit scharfem Innenleben, einem Degen nämlich, steigt er ein. Bei vielen ein Begriff: Kiltgang, Fensterln. Verehrten Mädchen über die Leiter einen Besuch abstatten.

Irgendwie musste Mann ja mit dem anderen Geschlecht in Kontakt treten. «Dreimal mit dem gleichen Mädchen tanzen kam einer halben Verlobung gleich», sagt Meier. Der Berchtoldstag war ein bekannter Tanzanlass.

An einem solchen Anlass in der «Herberge» in Teufenthal wurde der Erzgauner und Frauenheld Bernhart Matter verhaftet, später hingerichtet. Meier erwähnt aus Gerichtsakten bekannte Tanzfeste im Wald, die gefährlich werden konnten. In Würenlingen, seinem Heimatort, sei 1770 ein junger Mann von Kollegen angezündet worden; im Luzerner Hinterland gab’s Tote mit dem Kilterstock.

Beim Wynentaler Historiker Peter Steiner entdeckt hat Meier die Geschichte einer Familie Burger aus Burg. Die Eltern, als Täufer des Landes verwiesen, liessen neben anderen ihren Sohn Hansjoggeli zurück, der, um auf sein Zimmer zu kommen, jenes der Hausangestellten Anna Bär durchqueren musste.

Nicht überraschend kam sie «in die Hoffnung» und gebar 1673 einen Buben, den sie, kaum zufällig, Hansjoggeli nannte. Die «couragierte Frau» erreichte auf gerichtlichem Weg, in dritter Instanz, die Heirat, ansonsten die Landesverweisung gedroht hätte. Und das Paar hatte sieben weitere Kinder.

Pirmin Meier erwähnt in diesem Zusammenhang eine positive Seite der von Ulrich Zwingli eingesetzten Chorgerichte, die bei häuslicher Gewalt oft für die Frau Partei ergriffen hätten. So sei auch ein gewalttätiger Mann im Bernbiet bevormundet worden. Allerdings habe er später das ganze Dorf angezündet.

Arrangierte Heiraten im modernen Kapitalismus

«Eine Frau gegen 30 galt als alt», sagt Meier. Mädchen konnten mit 12, Knaben mit 14 heiraten. Die Folgen: schnelle Generationenwechsel, bei allerdings niedriger Lebenserwartung. Die Berner Erbregelung – der Jüngste erhält den Hof – streckte die Generationenfolge etwas.

Von freier Partnerwahl konnte keine Rede sein, obwohl es Alpstubeten, also Tanzanlässe, gab. Die Eltern hatten ein Vorschlagsrecht und organisierten Verlöbnisse. Das freie Kiltern kommt «eher erst in der Neuzeit» auf.

Dass organisierte Ehen nicht den Königshäusern einerseits, anderen Kulturen wie Indien andererseits vorbehalten sind, zeigt Meier an einem aktuelleren Beispiel im Kapitalismus: Er hat mit einer Frau gesprochen – sie aus einer Kaffeeladenkette, ihr Mann aus einem Hygiene-Konzern – deren erstes Ehekriterium nicht die Liebe, sondern die Erhaltung und Steigerung des Wohlstands gewesen sei.

Von Prostitution und Homosexualität

Zurück zum Fensterln: Für das Mädchen ging’s auch um den guten Ruf. Zwar soll es nicht auf den Erstbesten hereinfallen; wenn es aber zu viele abweist, kann das den Ruf beeinträchtigen. Aktenkundig sind Verhöre von sogenannten «Dorfhuren», und Meier selber habe noch vor 60 Jahren den Begriff «Dorfmatratze» gehört. Ja, die Prostitution. Thomas von Aquin sieht sie 1265 als zu tolerieren an, aber möglichst im Verborgenen.

Ein heisses Thema ist die Homosexualität, zumal in der katholischen Kirche die Fortpflanzung zur Ehe gehört, neben Liebe und Treue. So musste eine Frau im 9. Jahrhundert zum Vater zurück, wenn sie nach einem Jahr und zwei Monaten nicht schwanger war.

Meier bringt Beispiele von Homosexuellen, die mit dem Tod bestraft wurden, einer aus Schenkon endete nicht in Beromünster am Galgen, sondern wurde in Luzern verbrannt. Andererseits war Homosexualität im katholischen Nidwalden nicht strafbar.

Pirmin Meier macht sich für die Trennung von Kirche und Staat stark: Die staatliche Auffassung von Ehe müsse nicht der kirchlichen entsprechen. Und am Ende des Vortrags präsentiert Pirmin Meier eine Trouvaille aus einem Gerichtsprotokoll von 1856: das Wort «Kundsami» für Koitus. Zusammengesetzt aus dem Begriffen «erkennen» und «zusammen». Meier: «Ein schöner Ausdruck, verglichen mit den heutigen, die entweder gruusig oder medizinisch sind.»

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