Unterkulm
Ein Vernetzter der Region tritt ab: «Vier Gemeinden im Wynental würden eigentlich reichen»

Nach 12 Jahren im Gemeinderat, davon 10 als Ammann, zieht sich Roger Müller aus der Politik zurück – mit ihm geht ein Zugpferd des regionalen Miteinanders.

Rahel Plüss
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«Gerne vorne an der Spritze»: Ammann Roger Müller ist ein Macher.

«Gerne vorne an der Spritze»: Ammann Roger Müller ist ein Macher.

Sandra Ardizzone

An seiner letzten Gmeind als Ammann hat Roger Müller etwas tun müssen, was selten vorkommt: Er hatte einen Stichentscheid zu fällen. Die Hälfte der Versammlung wollte die im Budget vorgesehenen Planungsbeiträge an die WSB in Höhe von 35 000 Franken streichen, «um ein Zeichen zu setzen», wie argumentiert wurde. Ein Zeichen dafür, dass man im Dorf mit dem geplanten Bahn-Eigentrassierungsprojekt alles andere als zufrieden ist, insbesondere mit dem Kreisel beim Böhlerknoten.

Roger Müller hat getan, was ein Gemeindeammann in einer solchen Situation tut. Er hat sich auf die Seite der Institutionen gestellt. Nicht, weil er ein Fan von Kreiseln mit Schranken und Rotlichtern ist. Sondern weil er «professionell vorgehen, die gesetzlichen Wege einhalten» will. «Alles andere ist nicht zielführend», sagt er im Rückblick. «Es hätte sicher ein mediales Echo gegeben, das der Sache wohl mehr geschadet als genutzt hätte.»

Dabei ist Roger Müller durchaus einer, der auch mal ein Zeichen setzen und sich dadurch exponieren kann. Das hat er vergangenen Frühling im Bezirksschulstreit bewiesen. Weil sich die Gemeinden im Mittleren Wynental von der Kreisschule Homberg (Reinach) übergangen fühlten, sistierte Unterkulm die regionale Zusammenarbeit und erzwang nicht zuletzt dadurch den Neustart der Verhandlungen.

Zusammen mit den Ammann-Kollegen Annette Heuberger (Menziken) und Martin Heiz (Reinach) hat Roger Müller seither im Schnellzugtempo ein neues Kreisschulprojekt aufgegleist, das die Bez-Standorte Unterkulm und Reinach vorsieht. Das Vorhaben ist im Moment zur Vernehmlassung bei den Gemeinden. «Wenn man zwei Jahre nicht gehört wird, muss man mal einen Nagel einschlagen», sagt er. «Soweit sind wir aber beim Böhlerknoten noch nicht.»

Stillstand ist nicht sein Ding

Roger Müller ist Unternehmer – in seiner Unterkulmer Informatikfirma, die unterdessen 22 Mitarbeitende beschäftigt, und als Gemeindeammann. Der 58-Jährige empfängt die AZ in seinem Büro am Zentrumsplatz. Von hier aus hat man einen direkten Blick auf den Böhlerknoten und aufs Gemeindehaus.

Der abtretende Ammann war nah am Geschehen, nicht nur örtlich. Er war und ist einer, der anpackt, kämpft, Visionen hat und deren Umsetzung forciert. Einer, der es gern hat, wenn er die Fäden in der Hand behält, oder wie er selber sagt: «Ich stehe halt schon gerne vorne an der Spritze». Er wolle bewegen. «Stillstand, Am-Bestehenden-Festhalten oder nur reagieren», das sei nicht sein Ding. «Dafür muss man nicht in den Gemeinderat.» Zugegeben, er sei auch einer, dem es manchmal nicht schnell genug gehe, der schon mal die Geduld verlieren könne.

Seit 2006 ist Roger Müller im Unterkulmer Gemeinderat, seit 2008 als Ammann. Jetzt hört er auf. Nicht, weil er nicht mehr mag oder weil ihn die Politik zermürbt hätte. «Zwölf Jahre sind genug.» Eigentlich habe er schon vor zwei Jahren zurücktreten wollen, der Zeitpunkt habe dann aber wegen personeller Wechsel im Gemeinderat nicht gepasst.

Von der Fabrik zum Zentrumsquartier

Die grösste Erfolgsgeschichte seiner Ära war die Entwicklung des KWC-Areals von der Industrieruine zum modernen Wohn- und Dienstleistungsquartier mitten im Dorfzentrum. Nicht zuletzt aufgrund einer alten Schulfreundschaft war es gelungen, ein Projekt aufzugleisen, das auch Investorenwechseln standhielt.

Im Frühjahr 2013, mitten in den Verhandlungen, wurde die KWC verkauft. «Nein! Das kann jetzt aber nicht sein», habe er damals gedacht. Und sich und die Gemeinde vor einem Scherbenhaufen gesehen. Doch es kam anders: Das Projekt war offenbar so gut, dass die neue Eignerin, die Aarburger Küchensystem-Grossfirma Franke, mehr als nur die Grundidee nahm.

Heute, knapp fünf Jahre später, sind die alten Werkhallen abgebrochen und die erste Bauetappe steht kurz vor der Bewilligung. In den kommenden Jahren sollen bis zu 250 Wohnungen entstehen. Dieser Erfolg erfüllt den Gemeindeammann mit Stolz. «Aber», betont er, «das konnte nur gelingen, weil der Gemeinderat, die Verwaltung, aber auch Kanton, Regionalplanungsverband und Eigentümerschaft an einem Strick gezogen haben. So etwas geht nie im Alleingang.»

Die Zukunft liegt im Verbund

Vom «Gärtlidenken», wie es im Tal allzu oft betrieben werde, halte er gar nichts, sagt Roger Müller. Darum habe er sich als Ammann schon früh für die Vernetzung der Region engagiert. 2010 hatte er zusammen mit den Ammännern Janine Murer (Leimbach) und Martin Heiz (Reinach) angestossen, zwei wenig koordinierte Organisationen im Tal zu einer einzigen zusammenzuführen und dadurch Synergien zu nutzen.

So entstand aus dem damaligen Regionalplanungsverband Wynental und dem Verein aargauSüd, der sich der Wirtschaftsförderung verschrieben hatte, «aargauSüd impuls», ein einziger Gemeindeverband für die Belange aller zwölf Dörfer in der Region. Zwei Jahre lang präsidierte Roger Müller den neuen Verband, bevor er das Zepter aus Zeitgründen an Martin Widmer übergab.

Roger Müller sieht die Zukunft im Tal im Verbund. «Was mich beschäftigt», sagt er, «ist, dass wir Gemeinden im Wynental mit unseren Pro-Kopf-Steuererträgen im kantonalen Vergleich fast am Schluss liegen und es trotzdem fertigbringen, dass jeder für sich brösmelet», Müller kommt in Fahrt.

Mit viel Herzblut hatte er sich in den ersten Jahren seiner Amtszeit für eine Fusion von Oberkulm, Unterkulm und Teufenthal engagiert. Doch die Zeit war nicht reif. Das Projekt fallierte. Bereits vor der Konkretisierung stieg Teufenthal aus. In Oberkulm sagte das Volk im Herbst 2013 ebenfalls Nein zu einer Fusion mit Unterkulm.

Trotzdem. Die drei Gemeinden im Mittleren Wynental arbeiten heute in vielen Bereichen stark zusammen. Wenns nach dem Unterkulmer Ammann ginge, würden Fusionsgespräche wieder aufgenommen. «Eigentlich würden vier Gemeinden im Wynental reichen», sagt er. Doch dieser Frage müssen sich jetzt andere annehmen. Der Ammann hat sein Büro geräumt, die Geschäfte seinem Nachfolger, dem aktuellen Vizeammann Emil Huber, übergeben.