Wittwil/Staffelbach
Ein Stück Dorfgeschichte verschwindet

Die 116 Jahre alte Chäsi weicht einem Mehrfamilienhaus – zurzeit laufen die Abbrucharbeiten. Vizeammann Karin Hürzeler erinnert sich wehmütig an die alten Zeiten.

Raphael Nadler und Martin Zürcher
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Vorsichtig zerlegt der 27-Tonnen-Bagger das Haus in seine Einzelteile.

Vorsichtig zerlegt der 27-Tonnen-Bagger das Haus in seine Einzelteile.

Martin Zürcher

Erbarmungslos beisst sich der Bagger in die Fassade der Chäsi Wittwil in der Gemeinde Staffelbach und reisst ein Stück Mauer heraus. Der Baggerfahrer befördert es zur Seite, bevor die beiden Greifarme erneut zupacken.

Karin Hürzeler beobachtet das Treiben wehmütig von der anderen Strassenseite aus. «Ich bin hier aufgewachsen und seit nunmehr 44 Jahren war dies mein erster Blick, wenn ich aus dem Haus ging», sagt die Frau Vizeammann von Staffelbach. «Ich kann mich gut an die Zeiten erinnern, als die Landwirte hier die Milch anlieferten und ich selber noch mit dem Milchchesseli die frische Milch holte.»

Karin Hürzeler, Nachbarin der Chäsi und heutige Frau Vizeammann von Staffelbach

Karin Hürzeler, Nachbarin der Chäsi und heutige Frau Vizeammann von Staffelbach

Zur Verfügung gestellt

Viele Jahre als Besenbeiz genutzt

Die Zeiten, als dies noch möglich war, liegen aber auch schon einige Jahre zurück. Bis 1970 wurde noch regelmässig ein Laib Emmentaler pro Tag hergestellt. Im Jahr 2000 wurde dann auch die Milchannahmestelle geschlossen und die Mittelland Molkerei Emmi holte fortan die Milch direkt bei den Bauern auf dem Hof ab.

Daraufhin wurde die Chäsi vermietet und war über viele Jahre eine Besenbeiz. Zuletzt wirteten Priska und Jean-Pierre Aeschbach in der Chäsi und führten während zehn Jahren eine Chikkeria und einen Catering-Service. Als die Milchgenossenschaft bekannt gab, dass sie das Gebäude an die Wehle Architektur und Immobilien AG aus Unterentfelden verkauft, mussten sie eine neue Bleibe suchen und wurden im Wynental in der Gemeinde Gontenschwil fündig.

So sah die Käserei um 1940 aus: Der prächtige Balkon war mit vielen Blumen geschmückt.

So sah die Käserei um 1940 aus: Der prächtige Balkon war mit vielen Blumen geschmückt.

Zur Verfügung gestellt

«Es bleibt nichts ewig, es ist der Lauf der Zeit», sagte Daniel Leu, Präsident der Milchgenossenschaft, dessen Genossenschafter alle für den Verkauf des Gebäudes gestimmt haben. Noch immer reisst der Bagger Stück um Stück vom Traditionsgebäude ab. Wie mit einem Skalpell zerlegt Tobias Hulst mit seinem 27 Tonnen schweren Bagger das Haus in seine Einzelteile. «Es ist mir bewusst, dass dieses Gebäude eine lange Geschichte hinter sich hat», sagt er. «Mein Job ist es nun, das Gebäude möglichst schonend abzureissen.» Ein schlechtes Gewissen hat er bei seiner Arbeit nicht. Er betont aber: «Ich mache mir jeweils schon meine Gedanken, wenn wieder ein Stück Dorfgeschichte verschwindet.»

Es entsteht ein Fünffamilienhaus

Statt an die alte Fassade der Chäsi blickt die Staffelbacher Gemeinderätin Karin Hürzeler vorerst auf eine Baustelle. Später wird im Fünffamilienhaus, das an derselben Stelle entstehen soll, Leben einziehen und die Bewohner werden die alte Chäsi nur noch von Fotos und dem Hörensagen her kennen.

Und die Milch? Die kaufen die neuen Bewohner wohl im Tetrapack oder in der Plastikflasche im Staffelbacher Dorfladen. Ein Michchesseli bekommt man dort wohl auch nicht mehr.