Hirschthal
Ein Sprung in sorglose Sommerferien

In den Ferien springen zwei Kinder mehr als sonst auf dem Trampolin der Haidachers, es sind Kovive-Ferienkinder, die aus schwierigen Familienverhältnissen stammen.

Aline Wüst
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Isabelle, Pascal, Ann Marie (v.l.) und unten Leo hüpfen gemeinsam auf dem Trampolin im Garten. Aline Wüst

Isabelle, Pascal, Ann Marie (v.l.) und unten Leo hüpfen gemeinsam auf dem Trampolin im Garten. Aline Wüst

Zehn Stunden waren Isabelle und ihr kleiner Bruder unterwegs. Die Frage, wie lange es noch dauert, beantwortete ihnen kein Mami. Denn ihre Ferien sind auch Ferien von Zuhause. Ferien vom Mami.

Ferien und Erholung für Kinder in Not, das bietet Kovive an. Der Verein vermittelt den Kontakt und organisiert die An- und Heimreise.

Die 12-jährige Isabelle aus dem ostdeutschen Cottbus fährt dieses Jahr bereits zum achten Mal zu Haidachers nach Hirschthal. Für ihren 5-jährigen Bruder ist es eine Premiere. Die Geschwister kommen aus schwierigen Familienverhältnissen. Haben Eltern, die überfordert sind mit ihnen. Einen Familienalltag kennen die beiden Kinder nicht.

Das erste Mal im Wald

Was durchs Jahr zu kurz kommt, versuchen Margret und Martin Haidacher den Geschwistern in den Sommerferien zu geben: Familienalltag, Zeit und Zuwendung. Haidachers eigene Kinder, Ann Marie (13) und Leo (5), geniessen die Gäste aus Deutschland. Dass die vier Kinder zusammengehören, verraten die farbigen Federn in ihren Haaren. Es ist das Werk von Ann Marie. Sie und Gastschwester Isabelle kennen sich von den vergangenen Sommern sehr gut. Aber auch Leo und Pascal spielen gerne zusammen. Und hat die kleine Indianertruppe zu viel Energie, gehts gemeinsam aufs Trampolin.

Was wie ein Sommermärchen tönt, ist aber nicht nur lustig, wie Margret Haidacher erklärt: «Die Kinder sind sehr schwierig zu motivieren.» Wahrscheinlich auch, weil fern zu sehen bequemer sei, als etwas zu unternehmen, meint die Gastmutter. Zu Beginn der Ferien fragte Pascal morgens mindestens zehnmal, wann er an die Spielkonsole dürfe. «Er hatte richtige Entzugserscheinungen», erzählt sie. Obwohl die Kinder für alles motiviert werden müssen, die Ausflüge bleiben in Erinnerung. Dieses Jahr fragte Isabelle, ob sie nicht wieder zum «zusammengefalteten Berg» – dem Matterhorn – fahren würden. Gemeinsam reisten sie daraufhin nach Zermatt zum Wandern. Aber auch Feuer zu machen ist etwas Besonderes, wenn man wie Pascal noch nie im Wald war.

Ferienkinder kennt Margret Haidacher aus der eigenen Kindheit. Sie hat gute Erinnerungen daran und tut es heute, weil sie so direkt helfen kann. Schmerzt es nicht, die Kinder nach drei Wochen wieder zurück zuschicken? «Isabelle freut sich jedes Mal auf ihre Mutter.» Das mache den Abschied einfacher. Sie wisse aber nicht allzu viel über die Umstände, in denen die beiden leben. Das sei besser. So könne sie die Kinder einfach so nehmen, wie sie sind. «Wir sehen natürlich, dass die Kinder Defizite haben», sagt ihr Mann Martin. Erzähle Isabelle von Zuhause, zeichne sie aber eher das Bild einer intakten Familie. Verständlich findet Margret Haidacher: «Jedes Kind will eine schöne Familie haben»

Heute reisen Isabelle und ihr Bruder wieder ab. Bis zum nächsten Sommer werden nur Briefe die Reise von Cottbus nach Hirschthal unternehmen. Sie werden von Vorfreude auf die Badi handeln und vom zusammengefalteten Berg erzählen.