Ahnte er, dass er der letzte richtige Herr der Herrschaft Rued sein würde? Hat er eine «Geschichte der Herrschaft Rued» und eine «Haus Cronik», seinen Kindern und Nachkommen gewidmet, verfasst, um festzuhalten, was sonst vergessen zu werden droht?

Am 2. Februar 1768, also vor 250 Jahren, wurde Carl Friedrich Rudolf May von Rued geboren. Just ein Jahr vor Napoleon. Dessen den Eidgenossen aufgezwungene Helvetische Republik verunsicherte den Berner Adel, zu dem die Mays gehörten, gehörig.

Denn die Untertanengebiete (unter anderem der Berner Aargau) wurden aufgehoben und zu eigenständigen Kantonen erklärt. Schluss mit Zehntenabgaben. Dank Napoleon gibt es seit 1803 den Kanton Aargau.

Junker Carl Friedrich Rudolf ist der älteste Sohn des Carl Friedrich May von Schöftland und wurde auch in Schöftland geboren. Als viertältestes von 8 Kindern: Schwester Sophia starb gleich nach der Geburt, Susanna Sophie wurde nicht einmal zwei Jahre alt.

Schwester Julia Salomea verlor ihren ersten Gatten 1798 im Kampf gegen die Franzosen und kehrte nach Schöftland zurück. Carl verlor auch eine jüngere Schwester. Sie wurde 14 Jahre alt. «Abscess im Kopf», so die Chronik. Vor Carl starben auch seine jüngeren Brüder Ludwig (1770 bis 1817), Friedrich (1774 bis 1823) und Gottlieb 1776 bis 1815). Und als Carl 11 ist, stirbt sein Vater mit 49 Jahren. Die Mutter ist erst 34.

Neubau des Schlosses Rued

Mit 19 Jahren zieht Carl nach Göttingen, wo er Jura, Geschichte und Cameralwissenschaften studiert. Letztere vermittelten Kenntnisse für die Tätigkeit in der Verwaltung im absolutistischen Staat.

Als Carl 20 ist, vererbt ihm sein Onkel und Pate Carl Rudolf May die halbe Herrschaft Rued, «deren Eigenthum bey näherer Besichtigung aber anfänglich nicht so glänzend war als es schien», so die Chronik. Das Schloss, 1775 bis auf wenige Aussenmauern abgebrannt, habe «sichtbare Zeichen des Verfalls» geäussert. Ein «Gemälde der Verwahrlosung» mit Tauben als Herren. Mehr als 30 Jahre war es nicht mehr bewohnt worden.

Carl kann die andere Hälfte der Herrschaft erwerben und heiratet 1790 Johanna Margaretha von Steiger, die einzige Tochter des letzten Schultheissen von Stadt und Kanton Bern vor der Helvetik, Niklaus Friedrich von Steiger Montricher.

Sechs Kinder gehen aus der Ehe hervor. Die Reben am südlichen Abhang des Schlosses werden ausgerissen; Carl verkauft die baufällige und unrentable Mühle und bezieht 1792 mit seiner noch jungen Familie Wohnsitz im Neuhaus vor dem Schloss, «das dazumal sehr wenig Annehmlichkeiten darbot». 1792 beginnt der Schlossneubau, und fünf Jahre später kann es bezogen werden. Mit dem Einfall der Franzosen 1798 beginnt eine politisch unruhige Zeit.

Familiäre Schicksalsschläge

Not macht auch um Adelige keinen Bogen. Carls älteste Tochter, die nach Scheidung und Wiederverheiratung stets ausser Landes lebte, sei eine «Quelle mannichfachen Kummers für ihre Eltern», schreibt der Vater.

Früh holt der Tod Carls Zweitgeborenen. Er wird 1806 auf einer Lustreise auf die Rigi Opfer des Goldauer Bergsturzes, der 457 Menschen unter sich begräbt.

Pikant: Eigentlich hatte Vater Carl diese Reise mit den Bewohnern der Schlösser Rued, Liebegg, Schöftland und des Brestenbergs verabredet, schickte aber seinen Sohn, da er aus geschäftlichen Gründen und weil seine Frau in Schinznach zur Kur war nicht teilnehmen konnte.

Tochter Sophia Elisabeth Maria stirbt mit 24 Jahren an den Folgen einer Geburt, während das vierte Kind, ein Sohn, an einem «bedeutenden Organisationsfehler» mit 15 Monaten stirbt.

Das jüngste Kind, Tochter Henriette Paulina Elisa, gedeiht zur Freude der Eltern, derweil das zweitjüngste, Sohn Siegmund Amadeus Friedrich, genannt Fritz, 1838 das Schloss Rued und seine Güter von seinem Vater übernimmt.

Carl, Beamter des Kantons Aargau, Oberamtmann des Bezirks Kulm nämlich, erwirkt 1813 den Bau einer Strasse von Rued nach Unterkulm. Der Einmarsch der alliierten Truppen, der Gegner Napoleons, 1814 betrifft auch das Ruedertal – Unterhaltspflicht ohne Bezahlung, Verbreitung von Krankheiten. Auch Carl kränkelt.

Mit Napoleons Niederlage wächst der Hunger Berns nach Wiedererlangung ehemaliger Gebiete auch im Aargau. Was der Aargauer Regierung gar nicht passt. Sie nimmt vorübergehend Carls Bruder Friedrich, den Herrn vom Brestenberg, in Gewahrsam, und auch Carl droht die Verhaftung. So weit kommt es aber nicht.

Carl wird 1814 in den «Rat der 200» von Bern gewählt und demissioniert als Bezirksamtmann von Kulm. Unsichere Zeiten, zumal Napoleon von Elba zurückkommt und erst nach der Schlacht bei Waterloo 1815 Ruhe gibt.

1816: Jahr ohne Sommer

Schlimm war das Jahr 1816 im Ruedertal, und Carl geizt nicht mit Vorwürfen an die «ungeschikte hertzlose Regierung» in Aarau. Es ist das Jahr ohne Sommer. Wie man heute weiss wegen des Ausbruchs des indonesischen Vulkans Tambora 1815, der einen Schleier um den ganzen Erdball legt und das Klima bis 1819 abkühlt. Hunger.

Carl schreibt: «Auf den Wiesen sah man im kaum entsprossenen Gras Erwachsene und Kinder, ähnlich dem Vieh essbare Kräuter aufsuchen und gierig auf der Stelle roh verzehren.» Er mutmasst, eine Volksabstimmung hätte wohl ein Ja zur Rückkehr zum Kanton Bern ergeben.

Er will nicht unbescheiden erscheinen: Da seine «Cronik» nur für seine Nachbarn bestimmt sei, notiert er aber seine Leistungen für die Ruedertaler. Er hat nicht nur «Erdapfeln, Getrayd, Haber, Kernen und Raucher Frucht» zu Spottpreisen verkauft, beziehungsweise «dem hiesigen Wirth der Brodt verkaufte» verschenkt. «Gelt, Speisen, Arzneymittel» werden auch an die Armen «ausgetheilt, die vor der Thür waren».

Sohn heiratet Frauenrechtlerin

Den Winter verbringen die Mays oft in Bern, wo sie sich auch politisch einbringen. Der Herr vom Brestenberg wird 1817 «Polizey-Director der Stadt Bern». 1827 heiratet Carls Sohn Fritz, der nach dem Sturz von einem Pferd zeitlebens an einer «Knieverrenkung» leidet, Julia Carolina Elisabeth May von Belletruche. Die Frau, die sich später mit Schriften zur Gleichberechtigung der Frau als Vorreiterin der Frauenbewegung profiliert. Und als Co-Autorin von Carls Familiengeschichte zeichnet.

Dass die Ruedertaler die Familie May achteten, zeigt die Tatsache, dass die Schulkinder vor dem Schloss sangen und damit die Genesung von Carls Frau von einer überstandenen Krankheit «feyerten». Krankheiten sind Alltag, auch bei Carl: arthritische Beschwerden. Er versucht die «homeopathische Medecin».

Nach 45 Jahren in Rued verlassen Carl und seine Frau 1837 das Ruedertal Richtung Bern: Seine eigene Kränklichkeit, aber noch mehr jene seiner Gemahlin verunmöglichen es, dem grossen Haushalt und Gutsbetrieb vorzustehen. Sohn Fritz übernimmt.

Ein emotionaler Abschied mit «heissen Thränen». Mit «einem Handdruk» nimmt man «Abscheid» vom Diener, von Knechten und von Lehenmann Krähenbühl. Die Bevölkerung muss ihn verehrt haben; sie wählt 1838 seinen Sohn Fritz in den «Grossen Rath des Cantons Argau».

Enkelin verliert Schloss

Einige Male noch reist Carl ins Ruedertal. Als seine Schwester 1840 stirbt, einen Monat nach Carls 50. Hochzeitstag, erhält Carl die Nachricht, dass sein Sohn Fritz Vater geworden ist. Esther heisst das Kind. Sein Kommentar: «Lieber hätte man einen Sohn empfangen, allein nach 13-jähriger kinderloser Ehe wurde auch dieses Mädchen mit freudigem Dank gegen die Vorsehung angenommen.»

Drei Jahre später stirbt Carls Frau. Carl erlebt noch, wie das grosse Kornhaus in ein «Wirthshaus» umgebaut wird, nimmt den ersten Freischarenzug als «verrätherisch» und «himmelschreyend» zur Kenntnis. Und er hört von der «Erdapfelkrankheit», die im Ruedertal erneut zu Hunger führt und die Auswanderung befördert, auch nach Amerika.

Am 21. November 1846 stirbt Carl Friedrich Rudolf May von Rued in Bern. Beerdigt wurde er in Kirchrued. Darauf verweist die Inschrift an der Südwand der Kirche Rued. «Die neue Inschrift wurde als Ersatz für die alten Grabsteine dort platziert.

Da Carl May dort erwähnt ist, muss sein Grab sich hier befinden», sagt der Historiker Markus Widmer-Dean. Carls Sohn Fritz erbt Rued. Dessen Tochter Esther, geboren 1840, geht eine desaströse Ehe mit Hans von Hallwyl ein: Scheidung, Verlust des Schlosses Rued 1877 durch Konkurs.