Reiten wie ein argentinischer Gaucho kann er nicht, aber er hat Kühe gezüchtet – und Hirsche. Allerdings nur im Winter, wenn sein Landhotel in den Anden geschlossen hatte. Sonst hat er sich um die Gäste gekümmert. Genau wie jetzt hier, auf der anderen Seite der Erdkugel. Der Mann mit dem klingenden Namen Ettore Nino Panciotto hat zusammen mit seiner Mutter den Gasthof Homberg übernommen, das bekannte Ausflugsziel zwischen Wynental und Hallwilersee. Die Gaststube ist seit gut zwei Wochen wieder geöffnet. Aber hinter den Kulissen gibt es noch viel zu tun.

Seit gut zwei Wochen ist der Gasthof Homberg wieder offen. Der neue Wirt hat die Küchenmannschaft und ein Teil des Servicepersonals vom Vorgänger übernommen.

Seit gut zwei Wochen ist der Gasthof Homberg wieder offen. Der neue Wirt hat die Küchenmannschaft und ein Teil des Servicepersonals vom Vorgänger übernommen.

Panciotto hat die Preisliste des Metzgers noch nicht zur Seite gelegt, als der Getränkelieferant eintritt. Das Telefon schellt. Der neue «Homberg»-Wirt eilt in den Nebenraum. «Schicken Sie mir ein E-Mail mit den Details», hört man ihn sagen, der Rest des Telefonats geht im Geschirrgeklapper unter. Derweil verwickelt ein Gast den wartenden Lieferanten in ein Gespräch über das Wetter. Es gibt nichts zu mäkeln. Die Sonne scheint, ideales Ausflugswetter. Auf der frisch renovierten Terrasse werden sich sicher bald die ersten Mittagsgäste einfinden.

Angst vor Pizza & Co.

«So ist das halt am Anfang», sagt Panciotto entschuldigend, als er wieder an den Tisch tritt. Es gebe noch vieles zu organisieren. Aber er sei gut gestartet. Nur, die Leute seien schon noch etwas skeptisch. Wegen seines Namens hätten wohl manche Angst, man könne im «Homberg» jetzt nur noch Pizza und Spaghetti essen. Der 29-Jährige lacht. Dabei stehe weder das eine noch das andere auf der Speisekarte – und er sei ja auch nicht aus Italien angereist, sondern aus Argentinien.

Seine Eltern, der Vater Italiener, die Mutter Schweizerin, waren vor seiner Geburt nach Südamerika ausgewandert. Er sei dort aufgewachsen und zur Schule gegangen – und habe sechs Jahre ein Hotel geführt, ein luxuriöses Feriendomizil für Geschäftsleute aus Buenos Aires mit ihren Familien. «Aber ich war drüben immer der Schweizer», sagt er. Zu Hause hätten sie schweizerdeutsch gesprochen, Fondue gegessen, den 1. August gefeiert. Obwohl er erst seit vier Monaten in der Schweiz lebt, ist ihm das Land nicht fremd. Er sei immer mal wieder hierher gereist, auf Verwandtenbesuch in die Heimat seiner Mutter. Auch habe er hier seine Matura anerkennen lassen und die Rekrutenschule besucht.

Deshalb passe das bisherige, durch und durch schweizerische Konzept im «Homberg» auch zu ihm – und schliesslich habe das Konzept bei seinem Vorgänger ja auch gut funktioniert, die Gäste schätzten die gemütliche Gaststube mit Stammtisch, die gutbürgerliche Küche. Warum also etwas ändern? Der junge Wirt hat sowohl die Küchenmannschaft wie auch ein Teil des Servicepersonals vom Vorgänger übernommen. Und er habe Support bekommen von Andreas und Lisbeth Mäder, die den «Homberg» 28 Jahre lang betrieben haben. Noch heute könne er bei Bedarf bei den erfahrenen Wirtsleuten anklopfen.

Ettore Nino Panciotto und seine Mutter Elisabeth Panciotto Hediger sind nicht Pächter auf dem Homberg wie die Vorgänger, sie haben den Gasthof gekauft und vor dem Start in seine Modernisierung investiert: Die Fassade wurde neu gemacht, die Terrasse vergrössert und neu möbliert, der Innenbereich hat einen frischen Anstrich erhalten. «Neben der Farbe und ein paar neuen Bildern haben wir in der Gaststube aber absichtlich nichts verändert», sagt Panciotto. Die Stammgäste sollten nach der zweimonatigen Pause quasi ihr Daheim wiederfinden.

Bio-Kräuter statt Kühe

Und der Wirt? Vermisst er nicht sein altes Daheim und das Hotel in den patagonischen Anden, weitab von der nächsten Siedlung? «Nicht wirklich», sagt Panciotto, «durch meine weitsichtige Erziehung fühle ich mich auch hier zu Hause.» Die wirtschaftliche Instabilität in Argentinien habe ihnen zu schaffen gemacht. Deshalb habe er in die Schweiz kommen wollen. Es sei auch kein Zufall, dass er und seine Mutter just auf dem Homberg gelandet seien. Neben dem regionalen Bezug (ihr Heimatort ist Reinach) hätten sie bewusst einen Gasthof mit viel Land gesucht. Zwar werden sie hier wohl nicht wieder Kühe und Hirsche züchten, aber vielleicht Bio-Kräuter anbauen. Ideen sind jedenfalls da und die Voraussetzungen gut, denn Elisabeth Panciotto Hediger ist nicht nur eine gute Geschäftsführerin, sondern auch Agronomin.