Teufenthal

Ein Aargauer Erstklässler ist ein Fall fürs Gericht – Eltern beschuldigen die Schulpflege

Gilbert Zwahlen und Nadine Blanc unterlagen mit ihrer Schulgeldforderung.Bild: Flurina Dünki

Gilbert Zwahlen und Nadine Blanc unterlagen mit ihrer Schulgeldforderung.Bild: Flurina Dünki

Die Teufenthaler Nadine Blanc und Gilbert Zwahlen kämpfen für die optimale Betreuung ihres ADHS-Kindes.

Nadine Blanc und Gilbert Zwahlen geht es wie vielen Eltern nach fast zwei Monaten Coronaquarantäne: Sie mussten Homeoffice und Kinderbetreuung vereinbaren und haben einen Kraftakt hinter sich. Noch mehr, da ihr siebenjähriger Sohn ADHS hat, im Volksmund Hyperaktivität genannt.

Doch ein anderes Problem beschäftigt diese Teufenthaler Eltern noch mehr. Sie befinden sich in einem Rechtsstreit mit der Gemeinde Teufenthal. Es geht um das Geld für die Sonderschulung ihres Sohnes, für den der schulpsychologische Dienst Aargau schon im April 2018, als der Bub noch im Kindergarten war, einen Tagessonderkindergarten empfohlen hatte. Er war oft aufgefallen im Kindergarten, war auch auf andere Kinder losgegangen. «Während des zweiten Kindergartenjahrs wurde er dispensiert. Somit konnte er nicht weiter in Teufenthal den Regelunterricht besuchen», sagt die Mutter beim Treffen mit der AZ.

Schulpflege fand nur noch Platz im Schulheim

Im März 2019 – vor dem Übertritt in die Schule – empfahl der schulpsychologische Dienst, eine Tagessonderschule. Die Schulpflege Teufenthal suchte daraufhin für das Schuljahr 2019/20 einen Platz für den Buben. Die von ihr angefragten Institutionen (Rudolf Steiner Sonderschule Lenzburg, Kinderheim Brugg, Stiftung zeka Aarau, HPS Windisch) meldeten jedoch allesamt, dass sie keine Kapazitäten hätten. So steht es im Urteil des Verwaltungsgerichts. Die Klassen waren bereits besetzt. Die Schulpflege habe daraufhin ihre Suche auf stationäre Sonderschulheime ausgeweitet, steht im Urteil weiter. Sie fand einen Platz in zwei Institutionen, darunter das Schulheim St.Benedikt in Hermetschwil.

Die Schulpflege habe sie und ihren Mann erst zwei Wochen vor den Sommerferien damit konfrontiert, dass sie einzig ein Schulheim gefunden habe, sagt Nadine Blanc.

«Unseren Sohn in ein Kinderheim zu geben, weil in Tagesschulen Plätze fehlen, wäre für uns nicht in Frage gekommen. Und auch der schulpsychologische Dienst hat das nie für nötig gehalten, denn er hat für unseren Sohn ja eine Tagesschule empfohlen und kein Schulheim.»

Eltern beschuldigen die Schulpflege

Die Meinung der Eltern ist klar: Die Schulpflege Teufenthal hat sich zu spät auf die Suche nach einem Platz gemacht und damit ihre Pflicht, jedem schulpflichtigen Kind einen Schulplatz zu garantieren, vernachlässigt. Ja, der schulpsychologische Dienst habe die Tagessonderschule erst im März 2019 empfohlen, «aber es lag ja schon eine Empfehlung für einen Sonderkindergarten vom April 2018 vor», sagt Nadine Blanc. «Daher wusste die Schulpflege doch, dass unser Kind eine Sonderschule braucht und hätte sich früh genug darum kümmern müssen.»

Die Eltern brachten den Buben stattdessen in der Privatschule Memory in Mägenwil unter. Sie stellen ein Gesuch an die Gemeinde für die Übernahme der gesamten Schulkosten für das Schuljahr 2019/20 von monatlich 1650 Franken. Der Gemeinderat lehnte das Gesuch aber ab.

«Wir verstehen, dass die Gemeinde nicht verpflichtet ist, die Kosten einer Privatschule zu übernehmen», sagt Gilbert Zwahlen. Die Kosten des Schule Memory seien aber nur wenig höher als der Gemeindebeitrag, der beim vorgeschlagenen Schulheim (1240 Franken monatlich) angefallen wäre. «Für den Steuerzahler, Gemeinde und Kanton», fährt er fort, «wäre das Heim bei Gesamtkosten von über 10000 Franken im Monat sehr teuer gewesen».

Wenigstens den Betrag, den Schulheim gekostet hätte

Das Ehepaar klagt das Schulgeld nach der Abweisung der Gemeinde vor Gericht ein. Sie formulieren in der Klage ans Verwaltungsgericht, dass, sollte ihnen das Jahr Privatschule nicht bezahlt werden, die Gemeinde ihnen wenigstens den Betrag erstatten soll, den sie ans Schulheim hätte zahlen müssen. Doch das Verwaltungsgericht weist beide Begehren ab. Die Begründung im Urteil lautet, es gäbe keine genügenden Beweise dafür, dass eine Beschulung in einem Schulheim für die persönliche Entwicklung des Kindes oder die Beziehung zu seinen Eltern nachteilig wäre. Dass der Wunsch der Eltern zu favorisieren sei, die ihren Sohn täglich zu sehen wünschten, ändere daran nichts. Das Urteil wurde den Eltern am 14. April eröffnet.

Eltern überlegen Klage auf Staatshaftung

Die Eltern überlegen sich nun, Klage auf Staatshaftung gegen die Gemeinde einzureichen, weil die Schulpflege ihrer Meinung nach zu spät nach einer Schule Ausschau hielt. Und noch etwas kritisieren sie: «Die Schulpflege hätte auch ausserkantonal nach einer Tagesschule suchen müssen», sagt Nadine Blanc. «Zwar sagte uns die Schulpflege, das hätte sie gemacht, aber konkrete Schulen konnte sie uns nicht angeben.» In die Privatschule geht ihr Sohn nur noch bis im Sommer. Für das kommende Schuljahr hat er einen Platz in einer nichtprivaten Aargauer Sonderschule auf sicher.

Der Gemeinderat Teufenthal möchte sich mit Verweis auf die noch laufende Rechtsmittelfrist zum Verwaltungsgerichtsurteil zum Fall nicht äussern. Dies teilt Ammann Urs Lehner der AZ mit.

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